Was für ein Jahr…

So ein letzter Tag des Jahres verleitet einen ja gerne mal zur Rückschau – wobei der Blick zurück auf 2020 wahrscheinlich für die meisten von uns ein bisschen krasser ausfällt als auf ein „normales“ Jahr. Wenn neben dem alltäglichen Wahnsinn, mit dem jeder in jedem Jahr zu tun hat, ein Ereignis wie Corona zur kollektiven Achterbahnfahrt führt, rückt das – zumindest bei mir – Dinge in ein anderes Licht. Manches, was mir dieses Jahr widerfahren ist, hätte ich in jedem anderen Jahr als persönlichen Tiefschlag empfunden. Hochzeitsfeier abgesagt. Weltreise verschoben. Beruflicher Ausnahmezustand. Jetzt Lock-Down statt Vanlife. Aber 2020? Es gibt Schlimmeres. So viele, für die das Jahr tatsächlich schrecklich war. Die einen Lieben an Corona verloren haben. Die alleine sterben. Die alleine leben und monatelang keinen Besuch bekommen dürfen. Die kein Dach über dem Kopf haben und keine Chance, sich daheim vor Corona zu verstecken. Die ihren Job an die Pandemie verlieren und nicht in einem Land leben, in dem trotzdem für sie gesorgt wird. Die auf der Flucht sind und Schutz suchen und die trotzdem niemand haben will, für die Corona nur eine von vielen lebensbedrohlichen Sorgen ist. Ich könnte vor Wut schreien über die selbst ernannten Querdenker, die unter dem Deckmäntelchen von Bürgerrechtsprotesten anderer Leute Leben gefährden, Solidarität mit Füßen treten und dabei nicht mal geradeaus denken können, geschweige denn quer. Masken nerven? Zuhausebleiben ist doof? Corona ist auch nicht schlimmer als die Grippe? Bill Gates will die Weltherrschaft an sich reißen? Um es mit Severus Snape zu sagen: Man möchte brechen.

Ich habe Ende März einen langjährigen Freund verloren. Und konnte ihn nicht auf seiner Beerdigung betrauern, nicht richtig Abschied nehmen, weil wegen Corona nur eine handvoll Menschen anwesend sein durften. Das war schlimm. Alles andere? Klar, vieles hatten wir uns Silvester vor einem Jahr anders ausgemalt. Aber als tragisch empfinde ich das alles nicht. Nicht falsch verstehen: Ich weine diesem Jahr keine Träne nach und will auch niemandem absprechen, 2020 gepflegt den Mittelfinger zu zeigen. Aber ich persönlich habe viel zu viel, für das ich froh und dankbar bin – auch 2020. Das lasse ich mir von diesem Ätz-Jahr nicht schlechtmachen – auch, wenn ich im Frühjahr missmutig in der Bude gehockt und mit dem Ausgebremstsein gehadert habe. Das ist NICHT das Gefühl, das wieder wach wird, wenn ich an das Jahr zurückdenke. Mag sein, dass ich gut darin bin, mir die Dinge schönzureden. Aber hey – man könnte auch sagen ich bin gut darin, die schönen Dinge im Herzen aufzubewahren, nicht die blöden. Und da liegen ziemlich viele schöne Dinge. Freundschaften, die mir auch über tausende von Kilometern jeden Tag das Gefühl von Zugehörigkeit und Wertschätzung geben. Meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder, meine beste Freundin, die der Fels sind, auf dem ich stehe, und deren feste Verwurzelung in Haus und Hof es mir erst erlaubt, mit leichtem Herzen in die Welt zu ziehen, wohl wissend, dass es immer einen Hafen geben wird, in den ich heimkehren kann. Nico, mein unverbrüchlicher Verbündeter, immer.

Und jede Menge besonderer Augenblicke und Erlebnisse, die 2020 trotz allem zu einem reichen Jahr gemacht haben. Ein Silvesterabend voller Pläne (die dann nix geworden sind, aber den glücklichen Abend nimmt uns trotzdem keiner mehr weg); ein Haufen vergnügter Mädels, die mir ein Krönchen aufgesetzt und mich durch ein wildes Wochenende im Siebengebirge gewirbelt haben; eine feuchtfröhliche Fahrt in einer trashigen Stretch-Limo, auf der meine Freundin Simone das Krönchen trug (wir warten beide noch auf die dazugehörigen Hochzeitsfeiern, aber das wird schon, irgendwann); Linda und Taria, die, als Corona kam und unsere Abreise nach Nordamerika vereitelte, monatelang zusammen wohnten, um uns Lindas Wohnung als Obdach zu geben; ein kreativer Bilderreigen über WhatsApp, den unsere Freunde uns an dem Tag, an dem unsere Hochzeit dann doch nicht stattfand, zum Trost geschickt haben; Füße im Schnee und in den blauen Himmel gereckte Arme auf dem Gipfel der Zugspitze, auf den ich mit meiner Freundin Hanna gestiegen bin – wir waren so unfassbar stolz auf uns! Meine beste Freundin Janka, die mit mir zu ihrem Lieblingsfelsen in der Bucht von Santa Maria de Llorell, in der wir schon als Kinder einmal zusammen Urlaub gemacht haben, geschwommen ist und uns auf dem Weg dahin eine Muschel getaucht hat, von der wir jede eine Hälfte behalten haben; Sonnenuntergang in der Champagne mit Blick über die Weinreben, in der Hand ein Glas Champagner, neben mir der Mann, dem nichts zu verrückt ist, um es mit mir mitzumachen; vier Tage Stoneman auf dem Mountainbike in Belgien, zusammen mit meinen Lieblings-Bikern – wen kümmern in solcher Begleitung schon schmerzende Hintern, platte Reifen und Regen? Die perfekte Traurede meiner Schwester, die sie uns an dem Tag, an dem unsere Hochzeit zum zweiten Mal doch nicht stattfand, trotzdem vorgelesen hat; drei turbulente Tage inmitten von Umzugskartons in der neuen Wohnung meines Bruders und seiner Familie, an denen ich zwischen Ikea und Spielplatz, Hunde- und Kindergewusel, Pizza und Rotwein jede Minute genossen habe; der Abend auf der Terrasse des „Kiepenkerl“ in Münster, auf der wir am Ende einer einwöchigen Radtour mit meinen Eltern durchs Münsterland glückselig gesessen und gegessen und geredet haben, bis außer uns niemand mehr da war – gemeinsame Tage, die ich für immer im Herzen tragen werde; der heiße Sommernachmittag am Baggersee mit meiner Nichte und meinem Neffen und einem riesigen, aufblasbaren Pfau namens Gustav – und sehr viel Gekreische und Gelächter; entspannte Spätsommerabende mit Christian und Su, die uns ohne mit der Wimper zu zucken wochenlang in ihrem Garten haben wohnen lassen; all die Wochen und Monate voller Kampfgeist und Improvisationskunst zusammen mit meinen Kollegen, in denen wir das Unstemmbare gestemmt haben; eine wundervolle Abschiedsparty mit Lagerfeuer und Tanzen im Gras bis morgens um sechs; und schließlich der Start ins große Abenteuer – anders als geplant, anders als gehofft, und trotzdem ein Aufbruch. Und noch dreimal so viele einzigartige Momente, die in meiner inneren Schatzkammer liegen – und 2020 trotz allem zu einem Jahr machen, das ich nicht missen möchte.

Erwähnte ich, dass ich eine Hang zum Sentimentalen habe? Egal, mich macht es glücklich, an all das Schöne zu denken. Das nicht so Schöne kommt schon von allein.

So. Wir ziehen nachher die Skihosen und die warmen Jacken an, nehmen die Thermoskanne mit dem selbst gemachten Glühwein, gehen raus zu Mr. Norris, spannen die Markise auf, hängen die Lichterkette dran, entzünden ein Lagerfeuer in unserer Feuerschale und werden um Mitternacht ein wachsames Auge darauf haben, dass 2020 auch wirklich verschwindet. Und erwarten 2021 mit offenen Armen.

Ein frohes neues Jahr Euch allen!

Oh – noch noch was: Ich hab mich letzte Woche nach langem Zaudern getraut und bin bei Instagram aktiv geworden (warum ich mit diesem Schritt ziemlich gerungen habe, hab ich in meinem ersten Post geschildert) . Falls Ihr mal schauen wollt: www.instagram.com/das_grosse_abenteuer/

Ein Kommentar

  1. Liebe Brit,
    ich finde es wunderbar, dass du das Positive so feierst _ das hat für mich nichts mit sentimental zu tun, sondern mit Wahrnehmung!
    Danke für die vielen persönlichen Einblicke in eure Reise, ich wünsche euch weiterhin unzählige einzigartige Momente!
    Bleibt gesund!
    Herzliche Grüße, natürlich auch an Nico!
    Antje

Schreibe einen Kommentar zu Antje Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.