Wand’rer, die auf Ziegen starren

Richtiger müsste es eigentlich heißen: Ziegen, die auf Wand’rer starren. Wann immer wir in den letzten knapp zwei Wochen auf Kreta losgestiefelt sind, haben sie uns irgendwo im felsigen Niemandsland, mit ihren zarten Hufen auf winzigen Felsvorsprünge in senkrecht abfallenden Gesteinswänden stehend, beobachtet. Ihr Blick eine Mischung aus Mitleid und Arroganz, haben sie auf uns herab gesehen, wie wir uns über den Giouchtas – den Hausberg von Heraklion, an dem angeblich Göttervater Zeus höchstselbst beerdigt sein soll und dessen Panorama mit viel Fantasie sein Profil zeigt – , durch die Imbros Schlucht und die Aradena-Schlucht gemüht haben. In ihren Augen muss das unglaublich unbeholfen und schwerfällig ausgesehen haben, mit der Leichtfüßigkeit und blinden Trittsicherheit, mit der sie sich in den Bergen bewegen, können wir nicht im Ansatz mithalten. Aber das ist uns egal, wir berauschen uns an der Schönheit der Natur, mit der uns Griechenlands größte Insel umgibt. Nachdem ein erster Wanderversuch letzte Woche bereits nach einer Stunde gescheitert ist, weil es selbst nach 16 Uhr noch viel zu heiß war und der Weg einen stacheligen aber baumlosen Hang hinauf einfach nicht attraktiv genug war, um dafür einen Hitzschlag zu riskieren, sind wir beim zweiten Versuch klüger: Zum Giouchtas, dessen Umrundung und anschließende Überquerung etwa drei Stunden dauern soll, brechen wir erst um 17 Uhr auf und gehen die erste dreiviertel Stunde im Schatten des Massivs, bevor wir den Aufstieg beginnen. Von der Bucht von Herakion weht ein sanfter Wind zu uns hinauf, bei dem es sich auf schmalem Lehmpfad zwischen niedrigen Sträuchern und Felsgeröll hindurch gut aushalten lässt. Zwischendurch der eine oder andere schattenspendendende Baum, unter dem wir uns für ein paar Minuten vor der intensiven Abendsonne verstecken können. Je höher wir kommen, desto lauter wird das Geläut – als wir mit roten Gesichtern oben ankommen, heben die Ziegen nur kurz den Kopf und knabbern dann ungerührt weiter an Sträuchern und Gräsern. Wie halten die das aus in ihren dicken Fellen?

Am Sonntag werde ich von einem seltsamen Geräusch geweckt. Minutenlang horche ich in den Morgen. Ist das Regen? Schlaftrunken bestätigt Nico. Verrückt. Seit Wochen hatten wir keinen Regen, und die kretische Hitze lässt den Gedanken daran vollkommen surreal erscheinen. Seit dem Vortag sind wir zu sechst, nach einem ausgiebigen Frühstück beschließen wir, dass der graue Himmel und die gelegentlichen Schauer eher ein Vorteil für eine weitere Wanderung sind. Wir entscheiden uns für die Imbros-Schlucht, die kleine Schwester der berühmten Samaria-Schlucht, die leider noch geschlossen ist und damit für uns ausscheidet. Kreta ist für seine Schluchten berühmt, es gibt bestimmt zwei Dutzend, die vermutlich alle auf die eine oder andere Weise ihren Reiz haben. Die Imbros-Schlucht ist deutlich kürzer und leichter zu gehen, genau das Richtige für unsere von Winter und Lockdown untrainierten Beine. Gute zwei Stunden lang bewegen wir uns über Geröll durch den Canyon, immer sanft hinab Richtung Meer. Bewundern die üppige Vegetation, von der nach dem Regen das Wasser tropft und dadurch manchmal fast an Dschungel erinnert. Schauen den Schwalben, die in den Felswänden nisten, bei ihrer Flugakrobatik zu und strecken an der schmalsten Stelle, an der die Schlucht nur 1,60 m breit ist, die Arme aus, um beide Wände gleichzeitig zu berühren. Belohnen uns am Ende der Schlucht, an der enttäuschenderweise kein Strand und kein Meerblick auf uns warten, in einer Taverne, in der es zur Hochsaison vermutlich von Touristen wimmelt, mit einem späten griechischen Mittagessen. Außer uns nur ein weiterer Gast. Als der fertig gespeist hat, steigt er ins Auto des Tavernen-Besitzers, der ihn zurück an den Startpunkt der Schlucht bringt. Wir sind, als wir aus der Schlucht herauskamen, bereits von mehreren Leuten angesprochen worden, die uns angeboten hatten, uns zum Ausgangspunkt (an dem unsere Autos stehen) zurückzubringen. Da war aber der Hunger größer und wir haben erstmal alle Angebote abgelehnt. Dass der Wirt auch einen solchen Shuttleservice anbietet, kommt uns also sehr entgegen. Das Beste daran: Er fährt einen riesigen Pickup, auf dessen Ladefläche wir locker zu sechst passen. Er schaut ein wenig irritiert, dass niemand auf seine Rückbank steigen möchte, die es in dem Fahrzeug ebenfalls gibt. Aber den Spaß, auf der Ladefläche hinten mitzufahren, will sich niemand von uns entgehen lassen! Im Abendlicht brausen wir unzählige Serpentinen hinauf, der Fahrtwind zerrt an unseren Haaren, wir ergattern noch ein paar spektakuläre Blicke aufs Meer und in die Schlucht hinein und finden, dass die 25 Euro, die der Wirt für die 20-minütige Fahrt haben will, das Vergnügen absolut wert waren.

Gestern dann die nächste Schlucht: Diesmal eine lange Rundtour von sechs Stunden in anspruchsvollem Gelände. Wir haben uns für die Aradena-Schlucht entschieden, die technisch einiges zu bieten hat. Nach einem steilen Abstieg aus dem verlassenen und halb verfallenen Dorf Aradena geht es durch den mächtigen Canyon. Den Weg müssen wir uns an vielen Stellen selbst suchen, die Schlucht ist breit und oft gibt es mehr als nur eine Möglichkeit, eine Passage zu gehen. Wir umrunden oder oder überwinden riesige Felsbrocken, klettern teilweise mit Hilfe der Hände oder auf dem Hintern rutschend das Gestein hinauf und hinab. An der Schlüsselstelle müssen wir uns an einem Seil an einem meterhohen glatten Felsen herablassen, die nächste Stufe ist nur über zwei sehr lange Stahlleitern nach unten zu bewältigen. Je näher wir dem Meer kommen, desto üppiger die Vegetation. Überall duftet es nach wildem Thymian und Minze, übermannshohe Oleanderbüsche bilden mit ihren grünen Blättern und pinkfarbenen Blüten einen fantastischen Kontrast zum Blau des Himmels und den Gelb- und Sand-Tönen der Felsen. Nach zweieinhalb Stunden: das Meer! Azurblau blitzt es am Ausgang der Schlucht, diese Badebucht kann man nur zu Fuß oder mit dem Wassertaxi erreichen. Über ihr im Fels schwebt eine lauschige Taverne, in der wir erstmal eine ausgedehnte Pause einlegen und uns durch die Speisekarte futtern.

Dann geht es weiter, immer an der Küste entlang, auf einem felsigen und zum Teil ausgesetzten Höhenweg, der mir an einer Stelle den Schweiß auf die Stirn und in die Handflächen treibt. Ungesichert müssen wir, eng an die Felswand gedrückt, einen schmalen, unangenehm hohen Absatz überwinden –  rechts nur flirrende Luft über einem zwanzig Meter tiefer Abgrund. Als ich auf der anderen Seite angekommen bin, zittern mir ein wenig die Knie. Sehr viele Ziegen starren uns an, als wir einer nach dem anderen die fiese Stelle meistern. Ich schwöre, dass sie im Geiste Haltungsnoten verteilen. Wie zum Hohne hüpfen selbst die kleinsten Ziegenkinder in der Wand oberhalb der Stelle hin und her, ohne auch nur hinzuschauen. Ich denke an das Ziegenskelett, das wir am Vormittag in der Aradena-Schlucht gefunden haben, behalte aber einen hämischen Kommentar Richtung Ziegen für mich: Nicht, dass die Viecher noch auf die Idee kommen, mich mit ein wenig Anlauf vom Fels Richtung Meer zu schubsen. Die restlichen zehn Kilometer der Tour geht es immer bergauf: Zunächst über Stock und Stein, dann auf einer pechschwarzen, asphaltierten Serpentinenstraße, die die gesamte gespeicherte Hitze des Tages an unsere ohnehin schon hitzemürben Beine und Köpfe abgibt, während wir uns drei Stunden lang in der tiefstehenden Sonne zurück zu unseren Fahrzeugen schleppen. Den faulen Tag heute haben wir uns jedenfalls tapfer erlaufen.

4 Kommentare

  1. Hallo Brit, ein schönes Abenteuer durch die Schluchten zu wandern. Ich bewundere Euch und bin von den Fotos sehr begeistert. Weiterhin eine schöne Zeit mit Euren Freunden, diese Zeit wird unvergesslich sein. LG Monika

Schreibe einen Kommentar zu Monika Thomaier Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.