W-Fragen

Entschuldigung vorweg: Dies wird, wie Ihr schon an dem großen Bild seht, mal wieder einer der echt schwach bebilderten Beiträge, Bilder sind einfach nicht meine starke Seite… Ihr müsst daher leider ohne visuelle Highlights durch diesen langen Text. Also: Ihr müsst natürlich nicht. Aber wenn Ihr zu früh aufgebt, verpasst Ihr vielleicht Omas Einrichtungs-Hölle? Männer, die über Motoren hängen? Oder den Geist der Weihnacht?

Im Journalismus sind W-Fragen die unumgänglichen Fragen, die sich ein Redakteur beim Verfassen einer Nachricht oder eines Berichts stellen muss: Was ist wo und wann passiert, wer war involviert und warum sind diese Dinge geschehen (ich vermute, Kriminalisten stellen sich ganz ähnliche Fragen). Nicos und meine drei W-Fragen lauteten diese Woche etwas anders: Wohnung, Werkstatt, Weihnachten. Das sind ja gar keine Fragen? Oh doch, da waren sogar eine ganze Menge Fragezeichen dran bis vor Kurzem!
Vor allem das Thema Wohnung hat mich echt Nerven gekostet: Während wir unsere Unterkunft hier in Kalamata in Windeseile am Handy in einem Restaurant ausgesucht und gebucht haben (mit dem Ergebnis, dass wir zwar total schön wohnen und über die Lage nicht glücklicher sein könnten, aber in der Hektik übersehen haben, dass die Bude kein Wohnzimmer hat und wir daher seit drei Wochen entweder auf einem harten Gartenstuhl auf der Terrasse, einem winzigen Barhocker an einem ebenso winzigen Küchentisch oder auf dem Bett sitzen müssen; so viel Yoga kann ich gar nicht machen, dass mein Rücken mir das verzeiht….), soll es für den Dezember die perfekte Unterkunft sein. Schließlich wissen wir dieses Mal schon vorher, dass wir dort vier lange Wochen aushalten müssen und vermutlich nicht, wie bisher, die Hälfte der Zeit auf der Terrasse verbringen können. Außerdem stehen im Dezember Nicos 40. Geburtstag, Weihnachten und Silvester an – und wenn wir all diese Feierlichkeiten schon allein zu zweit begehen müssen (Weihnachten bei unseren Familien haben wir uns endgültig abgeschminkt, und auch der geplante Besuch unserer Freundinnen Hanna und Moni über Silvester erscheint mehr als unrealistisch), wollen wir es wenigstens schön haben. Eigentlich hatte ich unsere Traum-Hütte in den Bergen schon vor meinem letzten Blog-Eintrag gefunden – aber der Vermieter reagiert weder auf Mails noch auf eine Buchungsanfrage, offenbar steht die Hütte derzeit nicht zur Verfügung. Mist. Drei Tage lang suche ich mit wachsender Verzweiflung, vergleiche, rechne, passe das Suchraster an und suche weiter. Auf dem gesamten Peleponnes (jetzt, wo wir beschlossen haben, die Regeln zu brechen und die Region zu verlassen, kommt‘s ja auch nicht mehr darauf an…). Aber alles zu einem akzeptablen Preis ist entweder winzig oder wurde bei Rudis Resterampe eingerichtet. Die Vorstellung, die nächsten vier Wochen auf 25 Quadratmetern oder in Omas zusammengewürfelter Wohnzimmergarnitur mit Eichen-Schrankwand zu wohnen, motiviert mich zu vielen Stunden am Laptop.
Dann knicke ich endlich ein – und wir buchen das schweineteure aber riesengroße und geschmackvoll eingerichtete Haus mit Blick auf die Ruinen von Mystras und auf das Taygetos-Gebirgsmassiv, das ich schon seit Tagen auf der Favoritenliste habe, aber eigentlich viel zu teuer für unser Budget finde und deswegen immer wieder verwerfe. Mit Heizung, Kamin UND Badewanne! Meine Vernunft, die mich mahnt, nicht so irre viel Geld auszugeben, wenn man doch auch für 750 Euro ein Dach über dem Kopf haben kann, zieht am Ende den Kürzeren, meine Angst vor der Privatinsolvenz wird geschlagen von den Bildern in meinem Kopf, auf denen wir im Schein des Feuers und unter dem nächtlichen Sternenhimmel, der durchs Fenster hereinschimmert, auf zwei gemütlichen Sofas sitzen, leise Weihnachtslieder summen und aus schönen Gläsern Wein trinken (höre ich da irritierte Fragen, wie das bitteschön zu unserem Traum vom schlichten Vanlife in einem winzigen Bus mit Schlafsack und Benzinkocher passt? Hey, ich habe nie gesagt, dass es mein Ziel ist, auf so viel Komfort wie möglich zu verzichten! Nur auf so viel Komfort wie unbedingt nötig, um mobil, leicht und flexibel zu sein. Und da verschwinden Couches und Weingläser leider ziemlich schnell von der Liste…). Nico seufzt erleichtert auf. Er hat geduldig 37 Wohnungen und Häuser im Detail mit mir durchgeschaut, die ich vorausgewählt hatte: Er war die ganze Zeit für die fette Villa – wäre mit mir aber auch in das halb so teure kleine Steinhaus mit Kühlschrank im Wohnzimmer gezogen, wenn mein Gewissen weiter darauf bestanden hätte. Und ist am Ende glaube ich einfach nur froh, dass wir endlich eine Entscheidung haben (so deute ich zumindest den Umstand, dass er, sobald ich den „Buchen“-Knopf gedrückt habe, schnurstracks zum Kühlschrank geht und die Flasche Prosecco rausholt, die da noch liegt).

Während die erste W-Frage vor allem mir zu schaffen gemacht hat, schwirrt die zweite W-Frage schon seit Wochen in Nicos Hinterkopf: Wir brauchen eine Werkstatt für Mr. Norris. Drei oder vier Mal ist uns der Bus auf dieser Reise schon einfach während der Fahrt ausgegangen. Danach immer sofort brav wieder angesprungen – aber dennoch. Nico vermutet, dass der Motor kurzfristig nicht genug Diesel bekommt, was im besten Fall ganz leicht durch den Tausch des Dieselfilters oder die Reinigung eines kleinen Siebs, das beim L300 in der Dieselpumpe sitzt, zu beheben ist. Im schlimmsten Fall haben sich die Dieselleitungen zugesetzt oder die Dieselpumpe ist kaputt. Das wäre teuer, aufwendig zu reparieren und richtig ätzend.
Bei der Einfahrt nach Kalamata vor drei Wochen sind wir an einer ganzen Parade von Autoläden irgendeiner Art vorbeigefahren, die wie an einer Perlenschnur die Zufahrtstraße in die Stadt säumen. Die klappert Nico nun alle in mühevoller Kleinarbeit bei Google Maps ab und versucht herauszufinden, welche davon Werkstätten sind (es befinden sich auch jede Menge Autohäuser, Reifenhändler oder Tuning-Buden darunter, wie sich herausstellt). Stolz kommt er heute früh mit einer Liste von sechs Werkstätten auf die Terrasse, die er für geeignet hält. Wir steigen in den Bus und fangen bei Nr. 1 an – die sich direkt als Volltreffer herausstellt. Eine junge Frau – die Tochter des Besitzers, wie schnell klar wird – spricht exzellent Englisch und meint nach kurzer Rücksprache mit ihrem Vater, dass wir unseren Bus direkt abgeben und in einer Stunde wiederholen können, „You are lucky, it‘s not busy at all today.“ Drei andere Fahrzeuge stehen noch in der blitzsauberen Werkstatt, zwei Mechaniker verschwinden bis zur Hüfte in den geöffneten Motorräumen, am dritten arbeitet der Chef. Nico beauftragt den Tausch des Dieselfilters und direkt auch den fälligen Ölwechsel, nach eineinhalb Stunden bekommen wir das Büsschen fertig zurück. „This car is very well maintained, in Greece, you hardly ever see these old vans in such a good shape“, übersetzt die Tochter. Wir grinsen wie stolze Eltern, die gerade ein Kompliment für ihren wohlgeratenen Sprössling bekommen haben – wie immer, wenn ein Fachmann den Zustand unseres Busses lobt. Fragen dann noch nach Keilriemen, einem Standard-Ersatzteil, das nicht viel kostet, einem aber jede Menge Rennerei und Ärger erspart, wenn man es dabei hat, falls der eingebaute mal reißt – das wir aber fahrlässiger Weise noch nicht in unserer Ersatzteilkiste führen. Der Chef recherchiert die Teilenummer am Rechner und telefoniert – „ten minutes, we don‘t have it, but another workshop down the road – we will get it for you.“ So ein Glück! Während wir warten, suchen Vater und Tochter uns noch den Kontakt einer Firma heraus, die eventuell unseren Fahrersitz etwas aufpolstern kann: Die vielen Stunden, die vor allem Nico darauf verbringt, wenn wir auf Reisen sind, setzen ihm manchmal ganz schön zu, ergonomisch ist jedenfalls anders. Als wir mit dem Bus vom Hof der Werkstatt rollen, sende ich ein stilles Gebet gen Himmel, dass dies bitte bitte der Auftakt zu vielen ähnlich hilfsbereiten und professionellen Werkstatterfahrungen sein möge – denn davon werden in den nächsten Jahren sicher noch einige geplante oder ungeplante auf uns zukommen.

Unser erster Werkstattbesuch – mögen auch alle künftigen so perfekt verlaufen!

Weihnachten. Die letzte W-Frage dieser Woche. Seit ich akzeptiert habe, dass wir Weihnachten nicht zuhause in Deutschland feiern können, bin ich wild entschlossen, es uns hier in Griechenland so schön wie möglich zu machen. Mit Adventskranz, einem Leuchtstern im Fenster der Hütte (die jetzt eine Villa geworden ist), goldenen Kugeln, Lebkuchen und all den Insignien von Besinnlichkeit, für die ich mir – obwohl bekennender Weihnachts-Fan – in den letzten Jahren nie die Zeit genommen haben (okay, außer für die Lebkuchen). Alles bei Amazon bestellen und mit in das Paket stecken lassen, das Markus und Simone uns schicken werden? Kommt mir übertrieben vor – die Griechen machen es sich Weihnachten doch bestimmt auch irgendwie mit Deko schön? Erste Stichproben in den hiesigen Mini-Märkten und Imbissbuden, in denen künstliche Tannenbäume mit schreiend bunten Kugeln stehen und grelle, kaltweiße Lichterketten flackern, stimmen mich wenig zuversichtlich. Und dann wäre da noch das Beschaffungsproblem: In einem Anfall von Gerechtigkeitssinn hat die griechische Regierung Supermärkten (den einzigen Geschäften, die während des Lock-Downs geöffnet sein dürfen) verboten, alles das zu verkaufen, was es sonst auch im spezialisierten Fachhandel gibt und was nicht zum Grundbedarf gehört. Und so stehen wir in dem Supermarkt, in den wir nach dem Werkstattbesuch fahren, vor langen Regalen voll mit herrlich schimmernder Weihnachtsdeko – die mit rot-weißem Absperrband umwickelt sind: Diese Waren dürfen wir nicht kaufen. Sehnsüchtig schiele ich auf eine elegante cremefarbene Tischdecke und eine Packung mit glitzernden Glaskugeln, aber das einzige, was ich in unseren Einkaufswagen legen darf, sind vier Kerzen und zwei Päckchen Servietten mit Weihnachtsmotiven (das fällt offensichtlich unter Grundbedarf). Die dritte W-Frage bleibt also erstmal offen: Bis zum 7. Dezember haben sie gestern den Lock-Down offiziell verlängert (und damit die stationäre Weihnachtsdeko-Beschaffung unmöglich gemacht). In einer Erklärung von heute heißt es aber schon, dass Weihnachten dieses Jahr in Griechenland wohl so werden wird, wie Ostern dieses Jahr in Griechenland: alle Läden geschlossen, alle Kirchen leer und alle Griechen zuhause.

Weihnachtsdeko in Griechenland. Unser Nachbar gegenüber hat schon die Lampen an – die geschmackvollste Variante, die wir bisher gesehen haben. Bilder von kitschig-bunter Büdchen-Deko ersparen wir Euch vorerst.

5 Kommentare

  1. Jetzt muss ich das Kommentar-Feature doch einmal testen… Sagt dem Werkstattinhaber er soll bitte nach Nord-Westen expandieren! Der Service klingt besser, als alles was ich in den letzten 20 Jahren bekommen habe.

    Liebe Grüße und macht et Euch net in der Schmusi-Schmusi-Villa
    GTT

  2. Liebe Brit und Nico,
    wir wünschen Euch ein schönes Wochenende und einen ruhigen gemütlichen 1. Advent.
    Ihr könnt doch Eure Lichterkette aus Mr. Norris nehmen, oder?
    Euer Bericht ist sehr spannend geschrieben und so lasst Ihr uns so sehr an dem Aufenthalt teil haben. Dafür vielen Dank <3
    Lasst Euch vom Wisseler See herzlich Grüßen bei 3 Grad und Starkem Nebel
    M+W

  3. Hallo ihr zwei! Ich bin die Sabine eine Freundin von Monika . Vielen lieben Dank für die tollen Berichte und Fotos!! Freu mich jedesmal wenn es was neues von euch zu lesen gibt . Es ist als wäre man dabei . Wünsche euch eine gemütliche Adventszeit und bleibt gesund !!! Freu mich auf die nächsten Berichte! L.G. Sabine

  4. Hallo meine Lieben,
    ich mag euch endlich mal schreiben. Ich habe tatsächlich bis heute länger nicht euren Blog gelesen. Also holte ich alles nach und ich muss einfach sagen, dass ich mich gefühlt habe, als wäre ich bei euch und durchlebe es genau wie ihr. Super schön und total spannend. Eure ganzen Überlegungen wegen Mr. Norris – ich hatte Herzklopfen! Ich konnte deine Einwände, Brit, total verstehen. Habt da so viel Herzblut reingesteckt und wie soll das alles überhaupt funktionieren? Oh Mann! Aber ich denke, ihr beide werdet schon eure Entscheidungen treffen
    Auch dieser griechische Lockdown. Die Griechen sind ja schon viel rigoroser als es bei uns der Fall ist. Wir hören hier hauptsächlich Gemecker, was alles doof entschieden wurde von unserer Regierung. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Otto-Normal-Grieche das Beste draus macht. Ändert ja auch nix…

    Ich hoffe, ihr werdet auch eine gemütliche und ruhige Adventszeit genießen. Ich bin definitiv sehr gespannt auf Neuigkeiten von euch.
    Fühlt euch ordentlich gedrückt und bleibt gesund!
    Ganz liebe Grüße Kristin

  5. Ihr Beiden. Jetzt bin auch ich endlich mal weiter gekommen in eurem Reisebericht. Habe mir seit eurer Ankunft in Griechenland keine Zeit mehr dafür genommen. Aber jetzt alles in einem Rutsch gelesen. Ein bisschen wie in einem Buch und sehr realistisch geschrieben. Man freut sich für euch und „leidet“ mit euch. ABER ihr macht alles ganz hervorragend und bekommt sicher alles hin :-). Teamwork erste Sahne – so soll es sein. In diesem Sinne – schöne Adventswochen. Und ich glaube fest daran, dass ihr die Zeit vor dem Kamin – auch mit nicht so stilechter Deko – genießen werden. Fühlt euch umarmt und weiter so :-*

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