Abschied von Kalamata

Unglaublich, wie sehr man sich in so kurzer Zeit ausbreiten kann! Nur vier Wochen haben wir in unserem Appartement in Kalamata gewohnt, aber es kostet uns einen halben Tag Arbeit, all unseren Kram wieder zurück in den Bus zu laden. Da denkt man, man besitzt fast nichts mehr – und dann überall Zeug! Wir räumen und kramen – und mit jedem Teil und jeder Tasche, die im Bus verschwindet, verstärkt es sich wieder, das Phänomen, das einen fremden Raum in ein Zuhause und umgekehrt ein Zuhause wieder in einen fremden Raum verwandelt. Je leerer die Wohnung wird, desto mehr fühlt sie sich an wie am Tag unseres Einzugs, als noch alles unbewohnt und fremd war. Mir fällt auf, wie schnell und vollständig wir uns hier heimisch gemacht haben – wie schnell und vollständig wir uns jedes Mal irgendwo heimisch machen, selbst wenn wir nur wenige Tage dort bleiben. Ich habe dieses Phänomen schon oft mit Staunen zur Kenntnis genommen auf Reisen. Man kommt in einem Hotelzimmer oder einer Ferienwohnung an und alles ist fremd, riecht fremd, fühlt sich unvertraut an. Dann hängt man seinen Pulli über eine Stuhllehne, bringt seine Zahnbürste ins Bad, legt die Bücher auf den Nachttisch und streift die Schuhe irgendwo ab – und mit jedem Ding, dem man einen Platz gibt, macht man sich den Ort mehr zu eigen. Nach zwei Tagen fühlt sich alles vertraut an, und bei der Abreise ist es ein bisschen wie beim Auszug aus einem richtigen Zuhause – zumindest geht es mir so. Selbst in der Casa Rosada in Arbus, aus der ich am Ankunftsabend am liebsten geflüchtet wäre, habe ich mich nach ein paar Tagen heimisch gefühlt und die schauerliche Inneneinrichtung beinahe lieb gewonnen. Ich glaube, es sind sowohl die vertrauten Dinge, die man an einen neuen Ort mitbringt, als auch die kleinen Alltagsroutinen, die selbst an bisher fremden Orten schnell entstehen, die dafür sorgen, dass wir uns innerhalb kürzester Zeit überall heimisch fühlen. Ein ziemlich nützliches Phänomen jedenfalls, wenn man, wie wir in den nächsten Jahren, alle naselang vor Ortswechseln steht. Wobei wir unser Zuhause ja zum Glück immer dabei haben – und es nur manchmal in etwas größere Räume auslagern müssen, wenn die dreieinhalb Quadratmeter Bus uns zu sehr auf den Keks gehen.

Jetzt, beim Auszug aus dem Appartement in Kalamata, läuft der Prozess wieder rückwärts: Alle unsere vertrauten Dinge sind inzwischen im Bus verschwunden, wir sitzen auf dem Bett, um uns herum so viel leere Fläche und Ordnung, wie seit dem Einzug nicht mehr. Das Kapitel Kalamata schließt sich langsam. In den letzten Tagen ist uns hier ein paar mal ziemlich die Decke auf den Kopf gefallen: Es hat viel geregnet, wir konnten nicht so richtig vor die Tür und hatten auch wenig Lust dazu – alle Wege da draußen, die wir fußläufig erreichen, sind wir schon zu oft gegangen. Meine größte Freude war das Katzenkino: Zutraulich sind die Kalamata-Katzen wirklich nicht, sie huschen davon, sobald man sich nähert oder ignorieren geflissentlich alle meine Annäherungsversuche. Aber irgendeine von den Grazien ist immer irgendwo in Blickweite unterwegs und stundenlang darf ich ihnen dabei zusehen, wie sie auf einem Balkongeländer balancieren, sich auf dem Dach des Hühnerstalls in der Sonne räkeln, von der obersten Planke des Baugerüsts hinter unserem Haus mit Argusaugen das Geschehen im Garten der alten Lady beobachten, ihrem Jungen das Kämpfen beibringen oder vom sicheren Ort unter einem geparkten Auto hervor einem ungeliebten Artgenossen eins mit der Pfote verpassen. Am liebsten stalke ich immer noch Robocat, den Gedanken, sie zu kidnappen und morgen mit nach Mystras in unsere neue Bleibe zu schmuggeln, habe ich aber inzwischen verworfen.

Einmal waren wir noch wandern: Wir wollten den Kalathi, den Hausberg von Kalamata, der sich am Ostrand der Stadt ziemlich eindrucksvoll am Rande der Bucht erhebt, besteigen. Haben sogar nach langem Suchen im Internet einen Track gefunden, demzufolge der Weg zum Gipfel und zurück vom Startpunkt in Ana Varga aus etwa sechs Kilometer lang sein und insgesamt rund drei Stunden dauern soll. Nach eineinhalb Stunden haben wir noch nicht einmal die Hälfte des Aufstiegs geschafft, aber bereits zweieinhalb Kilometer auf der Uhr – da kann also was nicht stimmen. Da die Sonne inzwischen um 17 Uhr untergeht und wir spät losgekommen sind, laufen wir Gefahr, in die Dunkelheit zu geraten – das ist uns zu heikel, wir drehen um und sind eine Stunde später wieder am Bus. Ziemlich unbefriedigend, selbst wenn der Weg auch ohne Gipfelerfolg total schön und von weiten Blicken über die Bucht begleitet war und wir froh sind, uns wenigstens ein bisschen bewegt zu haben.

Erfolgreicher ist da unsere Mission „Onlineshopping in Griechenland“ verlaufen: Auf der Suche nach einem Gaskocher, den Nico gern als vollwertige dritte Flamme beim Kochen haben möchte, sind wir bei hobbi.gr, einem griechischen Online-Outdoorshop, der seine Seite auch komplett auf Englisch anbietet, gelandet. Todesmutig bestellen wir den Kocher (der in Deutschland derzeit nirgendwo lieferbar ist, sonst hätten wir ihn schön risikoarm dort bestellt und zu Markus und Simone schicken lassen, die vermutlich einen Teil ihrer Wohnung inzwischen nicht mehr nutzen können, weil sich da unsere ganzen andere Bestellungen türmen…). Geliefert werden soll er per Kurier – da wir eh wegen des Wetters die meiste Zeit zuhause hocken, kann da ja nichts schiefgehen, denken wir. Als nach fünf Tagen immer noch kein Kurier bei uns geklingelt hat, versuche ich, die Sendung zu tracken – was mir mit Hilfe des sehr schnellen, sehr freundlichen und vor allem in Englisch kommunizierenden Kundenservices auch gelingt. „Nicht geliefert wegen Nichtlieferung“ übersetzt Google Translate den griechischen Status der Sendung (was mich reflexartig an die absurden „Verspätungen aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf“ der Deutschen Bahn erinnert), eine erneute Nachfrage bei Hobbi erbringt, dass wir das Päckchen im Büro des Kurierdienstes in Kalamata abholen können. Dort angekommen erkennen wir, dass es eine Fehleinschätzung unsererseits war, die Griechen würden nicht online einkaufen, da wir nie irgendwo Paketlieferwagen sehen. Sie kaufen sehr wohl online ein – und stehen dann brav in einer langen Schlange mit eineinhalb Metern Abstand zueinander vor dem Büro des Kurierdienstes, um sich ihre Pakete selber abzuholen. Wir stellen uns dazu, spielen ein wenig Kniffel, um uns die Wartezeit zu vertreiben – und halten nach einer halben Stunde tatsächlich den bestellten Gaskocher in der Hand! Schon abgefahren, wie sehr einen eine solch schlichte Tatsache, die zuhause keinen weiteren Gedanken wert wäre, entzücken kann! Wir tragen stolz unseren kleinen Kocher nach Hause – wieder eine Hürde in einem fremden Land genommen! Und ein Stein mehr, den Griechenland bei uns im Brett hat. Morgen dann die nächste Hürde: Corona-Regeln brechen und die Region wechseln. Wenn das mal gutgeht….

3 Kommentare

  1. Liebe Brit,
    Du schreibst einfach herrlich! Es ist eine Wonne, Euch „zu folgen“!
    Ich hoffe, Ihr seid heute, an Nikolaus unbehelligt zu Eurer Traumvilla vorgedrungen?
    „Robocat“ könnte Ataxie haben… Haben 2 Katzen von Bekannten von uns auch; sie laufen immer mit steif ausgestreckten Beinen herum (also die Katzen) Sieht sehr zackig aus… aber ist wohl nicht schlimm!
    Liebe Grüße, Astrid

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