Stillstand mit Ausblick

Diese Zeilen schreibe ich nicht aus einer Gefängniszelle – sondern aus der schönen Villa in Mystras, die in echt genauso schön ist wie auf den Bildern. Wir haben es also am Sonntag völlig unbehelligt hierher geschafft. Und obwohl wir daran nicht wirklich gezweifelt hatten, waren wir doch ein bisschen aufgeregt, als wir uns in Kalamata in den Bus gesetzt haben und aus der Stadt Richtung Berge gefahren sind. Nur gut eineinhalb Stunden brauchen wir auf der Landstraße Nr. 82 bis Mystras – und was für eine Route das ist! Hoch hinauf geht es auf der schmalen Straße, fort vom Golf von Messenien, hinein ins wilde Taygetos-Gebirge. Die Sonne scheint golden auf die Bergkuppen und die bunt gefärbten Blätter der Laubbäume – endlich sehen wir mal Herbstlaub! Die Vegetation, die uns bisher überwiegend in Griechenland umgeben hat, besteht aus immergrünen Oliven- und Orangenbäumen, Eukalyptus oder niedrigem Gestrüpp mit winzigen Blättern, die im Winter nicht abzufallen scheinen. Während wir am Rande einer Schlucht entlang und um ein Bergmassiv herum rollen, merke ich, wie sehr ich das Reisen vermisse.

Mit einem Auge beobachte ich dabei den Punkt, der unsere Fahrt auf dem GPS zeigt – unaufhaltsam nähern wir uns der Regionalgrenze. Da wir unterwegs kaum einem anderen Fahrzeug begegnen, rechnen wir nicht ernsthaft mit einer Straßensperre. Aber als wir kurz vor der „Grenze“ zwei Autos am Straßenrand und zwei Männer daneben stehen sehen, fährt uns doch kurz ein Schreck in die Glieder. Nur eine Panne, der eine Mann hilft dem anderen beim Reifenwechsel. Uff. Dann haben wir keinen Empfang mehr – und als er zurückkehrt, sind wir längst in der Region Lakonien angekommen. Kurz vorm Ziel – wir wähnen uns schon ich Sicherheit – schickt Google uns dann noch mal in einen Feldweg, auf dem wir nach ein paar hundert Metern nicht weiter kommen: Also zurück auf die Landstraße, doch hindurch durch den Ort Sparta (den wir lieber vermieden hätten, wie wissen ja nicht, wie die Leute da so drauf sind und ob die örtlichen Cops nicht gerne mal sonntags Fahrzeuge mit fremdem Kennzeichen kontrollieren…), und dann stehen wir endlich vor unser Villa und werden von der reizenden Gastgeberin empfangen.

Ich bin sofort hell entzückt: Was für ein Ausblick! Und das Tollste: Das ganze Haus ist weihnachtlich geschmückt! Wieso habe ich mir bloß Sorgen um Deko gemacht? Ein Kranz an der Haustür, Tannengrün auf dem Kaminsims, überall Kerzen, drei Weihnachtsmänner grinsen milde von Regalen herab (einen lasse ich später unauffällig in einer Truhe verschwinden, der andere steht so, dass man ihn nur von der Treppe aus sehen kann – also quasi gar nicht), und neben dem Esstisch steht ein beinahe mannshoher Weihnachtsbaum, über und über geschmückt mit goldenen, roten und bronzefarbenen Kugeln. Bingo! Wir räumen schnell alles aus dem Bus ins Haus, dann entfacht Nico ein Feuer im Kamin – und wir schauen für den Rest des Abends in die Flammen, hören Musik und gratulieren uns zu diesem Traumhaus.

Seitdem genießen wir jeden Tag den Ausblick in die Berge. Nur einen Kilometer Richtung Westen krallen sich die geschichtsträchtigen Ruinen von Mystras unterhalb der Burg in die Flanke des Taygetos-Gebirges: Ich kann von unserem Rundum-Balkon aus beinahe die einzelnen Häuser und Kirchen erkennen. Richtung Osten schauen wir über die Ebene von Sparta hinweg zum Parnon-Gebirge, wenn es dunkel wird, glitzern die Lichter Spartas in der Ferne. Wir freuen uns an dem vielen Platz, der gleichmäßigen Wärme der Heizungsanlage, dem Kamin, der riesigen Küche. Wenn ich vor dem Schlafengehen noch mal kurz auf den Balkon schlüpfe, frage ich mich, wie das jetzt wohl im Bus wäre: Die Nächte hier sind klar und kalt, und ich bin dankbar, dass wir in einem warmen, gemütlichen Wohnzimmer sitzen. Es ist eine merkwürdige Zwischenwelt, in der wir derzeit leben. In manchen Momenten fühlen wir uns seltsam antriebslos. Die griechische Regierung hat vorgestern verkündet, dass der harte Lock-Down inklusive Reiseverbot noch bis mindestens zum 7. Januar verlängert wird. Waren wir nicht eigentlich aufgebrochen, um zu reisen? Sollten wir, wenn das schon nicht geht, nicht wenigstens ganz viel Wandern oder unsere Zeit in Griechenland auf irgendeine andere Weise nutzen? Ist es Verantwortungsgefühl, das uns die meiste Zeit über in unseren vier Wänden hält? Oder hat uns der erzwungene Stillstand auch die Energie geraubt, die wir eigentlich noch darauf verwenden könnten, das Mögliche auszuschöpfen (schließlich ist das Risiko, beim Wandern in den Bergen sich oder jemand anderen mit Corona zu infizieren, nur unwesentlich höher, als wenn man zuhause auf der Couch sitzt)? Die Zeit rinnt uns durch die Finger. Und ich, die diese Ressource zeitlebens mit Argusaugen bewacht hat, immer den Blick auf der Uhr, immer vom Wunsch getrieben, das Beste aus der Stunde, dem Tag, dem Erlebnis herauszuholen, ich nehme das Verrinnen der Zeit zur Kenntnis – und finde es weder schlecht noch gut. Anders als beim ersten Lock-Down im Frühjahr ist die Stimme, die mich fragt, ob ich diese ganze geschenkte Zeit denn nicht wenigstens sinnvoll nutzen will – mehr arbeiten, den Bus optimieren, Briefe schreiben, kreative Geschenke für Freunde und Familie basteln (oder mir wenigstens was Cooles zum 40. Geburtstag von Nico nächste Woche einfallen lassen), ein Buch schreiben, mich weiterbilden – die meiste Zeit über angenehmem still. Da ich nicht in der Gefahr schwebe, plötzlich meinen inneren Buddhisten entdeckt zu haben (dass das jemals passiert, halte ich für ungefähr so wahrscheinlich wie Zeitreisen oder Schokoladentorte ohne Kalorien), nehme ich das einfach mal als Atempause so hin: Für den Moment ist es, wie es ist. Der nächste Berg kommt schon früh genug.

2 Kommentare

  1. Hallo Nico,

    alles Gute zum Geburtstag. Und euch beiden natürlich beste Wünsche und viel Glück, dass ihr die Reise bald fortsetzen könnt.
    (Auch wenn es im Moment und aus DE betrachtet nicht so aussieht)

    In diesem Sinne ein schönes Weihnachtsfest in Griechenland und bleibt gesund.

    LG
    Volker

  2. Schön habt Ihr es!
    Es ist wohl von oben so bestimmt, dass Ihr ankommen und inne halten sollt, anstatt rastlos zu sein…
    Ich wünsche Euch ein kuscheliges Weihnachtsfest und einen gesunden Start ins neue Jahr.
    Liebe Grüße, Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.