Der Innenausbau

Klar, wir hätten auch einen fertig ausgebauten Bus kaufen können. Aber das wäre ja nur der halbe Spaß gewesen. Nachdem wir den Plan einer Weltreise von unbestimmter Dauer gefasst hatten, hatten wir schnell ausgerechnet, dass wir etwa zweieinhalb Jahre würden sparen müssen, um zwei bis drei Jahre finanziell unabhängig unterwegs sein zu können. Was lag da also näher, diese viele Wartezeit, unsere Ungeduld und unser loderndes Reisefieber in ein produktives Projekt umzuleiten, das uns unserem Ziel näher bringt? Nico liebt Bastelprojekte (fragt nicht, wie viele halb umgerüstete Game Boys und nie aufgebaute Arcade-Automaten, aber – soviel sei zu seiner Ehrenrettung gesagt – auch wunderbar funktionierende Ambilight-Konstruktionen und Sound-in-allen-Räumen-Lautsprecher in unserer Wohnung standen!), und ich war sofort begeistert von der Idee, den Bus genau SO aufbauen zu können, wie er für unsere Vorstellungen passt (erwähnte ich, dass ich eine zwanghafte Optimiererin bin? Für Leute wie mich ist so ein Projekt geradezu magisch anziehend).

Wir hatten Glück und entdeckten sehr früh den Vlog von Philip und Rieke, „Von Wegen“. Die beiden hatten ebenfalls einen L300 gekauft, und Philip dokumentierte akribisch bei YouTube seine Ausbauarbeiten. Von seinem Innenausbau haben wir uns maßgeblich inspirieren lassen – haben aber auch einiges auf Susis Fernwehtreffen im April 2018 in Weeze bei all den abgefahrenen Fahrzeugen, die da herumstanden, abgeschaut. Die eine oder andere Idee haben wir selbst entwickelt, und so nahm das Innenleben von Mr. Norris im Laufe der Monate und nach diversen Revisionen allmählich Gestalt an. Unglaublich, was wir da an Entscheidungen treffen mussten – ich bin sicher, hätten wir ein richtiges Haus gebaut, wären das auch nicht viel weniger gewesen!

  • Welche Bodenplatte ist die richtige?
  • Wie dämmen wir den Bus, damit er gegen Kälte, Hitze und Kondens-Feuchtigkeit geschützt ist, da das Fahrzeug ja eigentlich nicht dafür konzipiert wurde, dass jemand darin 24 Stunden am Tag lebt?
  • Welches Holz verwenden wir für den Einbau, damit er stabil aber nicht zu schwer wird?
  • Wie behandeln wir das Holz, damit es gegen alle Umwelteinflüsse und unsere tagtägliche Nutzung geschützt ist?
  • Wie schlafen wir? Wie schaffen wir möglichst viel Stauraum? Wie richten wir uns ein, damit wir bei Kälte drinnen essen oder arbeiten können und auch mal ein paar Regentage am Stück im Bus aushalten? Was muss unbedingt rein in den Bus, und worauf können wir verzichten, um mehr Platz zum Leben zu haben?

Das ist am Ende dabei herausgekommen:

Wir haben erst mal alles rausgerissen aus dem Bus, was nicht zur Fahrerkabine gehörte: Sitzbänke, Verkleidung, vorhandene Dämmung. Dann haben wir das ganze Fahrzeug mit 19 mm Armaflex gedämmt. Die Basis des Ausbaus bildet eine 18 mm dicke Siebdruckplatte als Bodenplatte, auf der alle Einbauten verschraubt sind. Belegt haben wir sie mit PVC in Schiffsplankenoptik, damit es wohnlich aussieht.

Für die Einbauten und Deckel haben wir 9 mm und 12 mm dicke Multiplex Birke-Platten verwendet, da uns das helle, warme Holz gefallen hat, und um den ohnehin kleinen Innenraum nicht optisch durch dunkle Einbauten noch kleiner wirken zu lassen. Fast verzweifelt sind wir an der Frage, wie wir das Holz behandeln sollen: Wir wissen inzwischen, dass es geradezu eine religiöse Entscheidung ist, ob jemand lackiert oder ölt. In dutzenden Foren haben wir für beides gute Argumente gefunden, der Typ im Baumarkt konnte uns auch keine eindeutige Empfehlung geben – also haben wir uns am Ende für das entschieden, was uns am besten gefiel: Wir haben jedes einzelne Holzteil drei Mal mit einer hochfesten Öl-Wachs-Kombination eingerieben, die die natürliche Optik und Haptik des Holzes erhält, es aber unempfindlich gegen das Eindringen von Flüssigkeit macht. Wichtig für uns: Wir wollten keine Chemie, die das Holz vielleicht perfekt versiegelt, aber die ganze Zeit munter Dämpfe ausdünstet in unsere paar Kubikmeter Wohnraum. Der eine oder andere Kratzer wird auf dem geölten Holz nun im Laufe der Zeit sicher entstehen, aber was soll‘s, in der Karre wird gelebt, das darf man dann auch sehen Und wenn uns Kratzer wirklich einmal stören sollten, schleifen wir die Stellen eben an und ölen sie neu.

Für die Aufteilung des Innenraums waren vor allem zwei Aspekte entscheidend: Klo – ja oder nein? Und: Wie wollen wir kochen? Wir haben uns gegen ein Klo entschieden – mal ernsthaft, wir haben SO wenig Platz in dem Bus, dass selbst das berühmte Porter Potty den Verzicht auf viele andere Dinge bedeutet hätte, die uns wichtiger sind. Und nachts, wenn man es am ehesten mal benötigt, könnten wir es aufgrund der Bettkonstruktion ohnehin nicht nutzen. Zum Kochen haben wir keine Küchenzeile mit Waschbecken o.ä. eingeplant (was wir stattdessen gemacht haben, könnt Ihr hier lesen) und werden mit Benzin kochen statt mit Gas (warum, das lest Ihr ebenfalls hier).

Was uns neben der Möglichkeit, immer gut zu essen und frisch zu kochen am wichtigsten war: gut zu schlafen, Wir sind beide keine 20 mehr, und bei aller Lust am Minimalismus: Ein wenig Komfort muss sein, und dazu gehören für uns ganz klar essen und schlafen. Bei Philip von „Von Wegen“ haben wir uns abgeguckt, dass die Bettfläche abends über die gesamte Breite des Busses und komplett über alle Einbauten hinweg gelegt wird, und so der gesamte Innenraum zum Bett wird. Wir haben dazu zwei Bretter von je 65 x 150 cm gefertigt – das eine davon ist in sieben Latten zersägt, sodass es sich tagsüber zu einer Fläche zusammenschieben, abends für das Bett aber auf doppelte Fläche wie ein Lattenrost auseinanderziehen lässt. Die zweite Fläche ist durchgängig und bildet nachts das hintere Drittel des Betts. Tagsüber liegt sie auf dem zusammengeschobenen Lattenrost-Teil. Unsere Matratze aus hochwertigem Kaltschaum ist aus drei Teilen gefertigt, die je 65 x 140 cm groß und luxuriöse 12 cm dick sind (die Fertigung dieser Matratze bei einem Online-Produzenten hat sich als eine aberwitzige Farce in Sachen Servicebereitschaft entpuppt, von der sich der eigentlich sehr geduldige Nico bis heute nicht erholt hat – die Geschichte erzählen wir Euch gern mal bei einem Bier…). Tagsüber werden Bretter und Matratzenteile aufeinander gestapelt, sodass man an alle Einbauten herankommt. Die Fächer unter dem Bettstapel sind von hinten über die Heckklappe zugänglich.

Für Höhe und Aufteilung der Einbauten war die Größe unserer Kompressor-Kühlbox maßgeblich. Im vorderen Teil direkt hinter der Fahrerkabine sind so zwei Sitzbänke neben und über Eck zum Fach mit der Kühlbox entstanden, die in ihrem Inneren viel Stauraum bieten. Dahinter bis zur Heckklappe des Busses befinden sich weitere Fächer, alle mit Deckeln versehen und alle 40 cm hoch. Wir haben also, anders als andere Ausbauer, nicht einen Mittelgang freigelassen, sondern die gesamte Fläche des Innenraums bebaut, dafür aber vor den Sitzbänken ein wenig Platz für unsere Beine gelassen. Wir haben auch darauf verzichtet, eines oder mehrere der Fenster zu opfern und an der Seite noch schmale Staufächer hochzuziehen – wir wollen was sehen von der Welt, und es soll Licht in unser kleines Schneckenhaus kommen, sonst hätten wir ja auch direkt einen Kastenwagen kaufen können.

Die gesamte Technik findet ebenso in den Einbauten Platz, wie unsere Kleidung, Bettzeug, Vorräte, zwei 25 l-Edelstahl-Wasserkanister, Werkzeug und Kochutensilien. Zusätzlich haben wir einen Dachgepäckträger als „Keller“, auf dem zwei Alu-Boxen weiteren Stauraum bieten, und auf dem wir in einem wasserdichten Sack unsere Campingstühle und einen aufrollbaren Tisch transportieren. Da oben stehen außerdem vier 10-l-Reservekanister, die wir mit Diesel füllen können, wenn wir in Gegenden fahren, in denen Tankstellen rar sind. Und unser ganzer Stolz befindet sich ebenfalls am Dachgepäckträger: die Markise! Sie vergrößert unseren Lebensraum draußen vor dem Bus, spendet uns Schatten und schützt uns vor Schauern, damit wir nicht immer gleich nach drinnen flüchten müssen.

Tja. Soweit also die Theorie. Ob sich alles, was wir uns ausgedacht haben, in der Praxis bewährt, oder ob wir zwischendurch umbauen, ausmisten, nachrüsten oder mit nervigen Kompromissen zurechtkommen müssen, werden wir erst sehen, wenn wir wirklich unterwegs sind. Gut möglich also, dass dieser Beitrag im Laufe der Zeit noch das eine oder andere Mal überarbeitet werden muss – genau wie unser Bus.