Die harte und die freie Seite

Wir wollten ja, dass diese Reise unsere Generalprobe wird. Der Test für Mensch und Maschine. Und wir bekommen ihn. Das Komplettpaket. Seit gestern Morgen können wir auch an das Thema „Gewittertauglichkeit“ einen Haken machen. Wir, der Bus und auch die Markise. In aufgespanntem Zustand. Schuld bin ich. Nico wollte die Markise schon am Vorabend einrollen, weil die Wettervorhersage Windböen angekündigt hat. Ich finde das Quatsch – 50 km/h wird das Ding ja wohl aushalten, und ich habe so mühevoll unsere Lichterkette darum gewickelt, dass ich nicht einsehe, das alles nur für ein bisschen Wind wieder abzunehmen. Zwölf Stunden später stehen Nico und ich nass bis auf die Unterhose bei Blitz und Donner unter eben jener Markise und klammern uns daran, damit sie nicht wegfliegt. Nico ist sauer auf mich, weil ich das Gewittergrollen wenige Minuten vorher mit einem Lächeln abgetan habe. Learning: Bei Wind und Starkregen lässt sich die Markise NICHT mehr einholen. 15 Minuten später sitzen wir tropfnass im Bus. Draußen grummelt und blitzt es weiter, aber die Sturmböen haben sich gelegt, wir sitzen den Rest des Gewitter drinnen aus. Schmeißen die Standheizung an gegen die nassen Jeans und die unterkühlte Stimmung. Die harte Seite des Vanlifes.

Zwei Stunden sitzen wir so, mit beschlagenen Scheiben und der Frage im Kopf, wie wir sowas zwei TAGE aushalten sollen auf so engem Raum, wenn das mal nötig werden sollte. We’ll cross that bridge when we get there. Wir lachen und ich entschuldige mich für meine Sturheit. Dann schnappen wir uns unsere Laptops und sprinten durch den Regen und über Pfützen zum nächsten Café. Und sind uns bald einig, dass es wenig gibt auf der Welt, dass sich nicht mit einem heißen Essen und einem Glas Rotwein wieder gut machen lässt. Bis zum späten Nachmittag lässt der nette Wirt uns sitzen, schenkt uns mehr Wein und honigsüßen Kuchen. Ich arbeite einen Teil meines Texter-Auftrags für Mai ab (seit einem Jahr schreibe ich nach Feierabend für eine Agentur Texte, um auf der Weltreise die Möglichkeit zu haben, auch von unterwegs etwas verdienen zu können), Nico schneidet ein Video, das er mit unserer Drohne aufgenommen hat. Später am Abend schmieden wir den Plan, morgen erst die Küste weiter nordwärts hinauf zu fahren und dann über das Landesinnere wieder nach Süden zu einem Canyon mit heißen Quellen, den wir bei einem Paar auf YouTube gesehen haben, die ebenfalls im Van die Welt bereisen.

Der Plan hält bis zum Llogara Pass am nächsten Mittag. Der windet sich innerhalb kürzester Zeit in spektakulären Serpentinen mit Blick auf die albanische Riviera von 400 auf über 1.000 Höhenmeter. Und als wäre das nicht atemberaubend genug, erstreckt sich hinter dem Pass – mein Herz schlägt vor Begeisterung Purzelbäume – der Llogara Nationalpark. Nie davon gehört, aber als wir über die von dichten Pinien überschattete Straße die Berge hinauf und hinunter rollen, fühlen wir uns wie in einer verzauberten Welt. Dann sehe ich die Wanderwegweiser – und binnen Minuten beschließen wir, die Nacht hier zu verbringen und morgen wandern zu gehen. Der Kühlschrank ist leer, also fahren wir am anderen Ende aus dem Nationalpark hinaus und kaufen im nächsten Ort ein. Auf dem Rückweg kommen wir an einer Bar mit einladender Terrasse vorbei, die mir schon auf dem Hinweg aufgefallen ist. Wir halten an, da wir WiFi für die morgige Tourenplanumg, ein Klo und einen Kaffee brauchen. Eine halbe Stunde später hat uns der Besitzer der Bar angeboten, auf der Wiese neben seiner Bar zu übernachten. Fünf Euro möchte er dafür haben – Toilette und fließend Bergwasser inklusive. Der Ort ist so schön, dass wir beschließen zu bleiben. Brauchbare Informationen zu Wandertouren können wir im Internet nicht finden und für morgen sind wieder leichte Gewitter angesagt. Aber die Gastfreundschaft und die Schönheit des Ortes betören uns – wir bleiben um des Bleibens willen. Die freie Seite des Vanlifes.