Es wird Zeit

So lange haben wir auf diese Reise gewartet. Zwei Mal den Start verschoben. Und jetzt? Eine Woche bevor es endlich losgeht? Fühlt sich alles total unwirklich an. Seit vier Wochen wohnen wir bei unseren Freunden Christian und Su im Garten. Die beiden haben ein großes Grundstück im Bergischen und sind unglaublich großzügige Gastgeber, ihre beiden kleinen Jungs finden es kein bisschen seltsam, dass wir jetzt mit Mr. Norris in ihrem Garten wohnen. Ich bekomme morgens Kaffee und stets die Frage, wo Nico ist (der schläft noch, ich bin diejenige, die im Job noch bis zum letzten Tag Vollgas geben muss, da Corona auch da das Ende meines Projekts vom März in den September gezwungen hat). Abends haben wir die Freude der Gesellschaft der Family – und den Rest des Tages geht jeder seinem Tagewerk nach.

Wir genießen die Zeit. Kommen aber kräftetechnisch auch manchmal an unsere Grenzen. Der Bus ist nicht dafür gemacht, eine normale 40-Stunden-Woche daraus zu bestreiten und morgens halbwegs gebügelt und frisiert im Büro zu erscheinen. Oder daraus einen Acht-Stunden-Homeoffice-Tag zu stemmen. Nico hat sich zudem ein Mammutprojekt vorgenommen: Er macht zwei Wochen lang unsere komplette Elektrik noch mal neu. Ihm gefällt nicht, was da so über zwei Jahre in unserem Batteriefach gewachsen und zu einem Kabeldschungel mutiert ist. Zusammen mit unserem Freund Markus erstellt er einen Schaltplan, und eine Einkaufsliste mit Kabeln, Sicherungen, Aderendhülsen, Schrumpfschlauch, einer hydraulischen Krimpzange und lauter so Sachen, die für mich böhmische Dörfer sind. Und dann beginnen die Jungs, den Bus neu zu verkabeln (Blogbeitrag folgt bei Gelegenheit). Tagelang, zehn Stunden am Tag und mehr, wird daran gebastelt. Der örtliche Pizzadienst findet uns inzwischen blind, zwei mal am Tag rollt der kleine Fiat des netten jungen Mannes vom Burscheider Grill bei uns auf den Hof.


Jetzt ist alles bereit. Fertiger wird’s nicht, nächsten Freitag wollen wir los. Heute Abend zum Abschied haben wir den engsten Freudeskreis zur Gartenparty mit Lagerfeuer und Tanzfläche auf dem Rasen eingeladen  – mehr ist wegen Corona nicht drin. Ich versuche immer noch, ein Gefühl für diesen Moment zu finden. Ich bin nicht besonders aufgeregt  – wenn unser Bus jetzt auf dem Atlantik wäre und wir nächsten Freitag einen Flug nach Halifax nehmen würden, sähe das sicher ganz anders aus. Es ist gut, dass es endlich losgeht. Ich bin müde vom Abschiednehmen, seit Weihnachten bin ich in dem Modus, dass jede Begegnung vielleicht die letzte für eine lange Weile sein könnte. Die zweimalige Verschiebung des Reisebeginns hat das nicht gerade besser gemacht. Das heute wird sicher nochmal intensiv, auch der Abschied von meinen Kollegen nächste Woche. Mein Herz ist schwer und leicht zugleich  – es wird Zeit. Der Sekt steht kalt für die Party, die Lichter hängen in den Bäumen, der Bus ist gepackt, wir besitzen nur noch, was da drin ist – das große Abenteuer kann beginnen!

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