Déjà-vu

Wir sitzen in einem versteckten Eckchen am Golfo Aranci an einem winzigen verlassenen Strand hinter einer von Gestrüpp bedeckten Düne  und der Regen trommelt auf das Dach des Busses. Vor drei Stunden haben wir Linda in Olbia zum Flughafen gebracht. Zwei Wochen lang hat sie uns begleitet, mit uns das Leben im Bus und on the road geteilt und geduldig ertragen, dass wir noch sowas von gar nicht routiniert sind in dieser Art zu leben. Hat mit Nico Brot über einem Feuer gebacken, für das die beiden stundenlang Holz gesucht und mit roten Gesichtern klein gehackt, es bis zur Glut heruntergebrannt und diese immer wieder gefüttert haben, bis die Temperatur zum Brotbacken perfekt war. Wir sind gewandert, haben Karten gespielt, sardisches Bier getrunken, bei einem malerischen Agriturismo – einem der vielen sardischen Bauernhöfe, die ihre Gärten und Häuser zum Übernachten und Essen für Gäste öffnen – ein Sieben-Gänge-Menü zum Niederknien verspeist (und ein Drei-Tages-Budget für Wein und Grappa dort verzecht. Dafür durften wir dort an dem Abend dann aber umsonst campen – und den Kater am nächsten Tag gab’s auch inklusive) und die letzte Nacht auf dem Grundstück von Martin und Birgit verbracht, zwei Österreichern, die vor zehn Jahren nach Sardinien ausgewandert sind und nun in der Nähe von Orosei fünf Hektar Land bewirtschaften. Unter Olivenbäumen grasen Ziegen und hinreißende kleine Schweine, vier Hunde begrüßen uns fröhlich bellenden am Gatter des Grundstücks, zu dem wir uns über eine sehr lange und sehr holprige Straße durchgeschlagen haben (wir sind froh, dass wir am richtigen Gatter sind: Weiter vorne war ebenfalls ein Gatter, aber da waren die Hunde bedeutend unfreundlicher…). Ein idyllischer Ort für unseren letzten Abend zu dritt.

Jetzt sind wir wieder zu zweit unterwegs – und wägen unsere Optionen ab. Die Wettervorhersage ist deprimierend, nicht nur für Sardinien, für große Teile Italiens sind für die nächsten Tage Temperaturen um 15 Grad und mehr oder weniger Dauerregen angesagt. Ich habe ein Déjà-vu: Genau so saßen wir letztes Jahr im Mai, als wir eigentlich auf den Balkan wollten und dann nach fluchtartig hinter uns gebrachten Hunderten von Kilometern in Griechenland gelandet sind, um dem schlechten Wetter zu entkommen. Während der Regen jetzt auf unser Dach klopft und es über dem Meer bedrohlich donnergrollt, spielen wir diverse Szenarien durch: auf Sardinien bleiben und uns in eine Ferienwohnung einmieten, in der wir das Wetter aussitzen und ich meine restlichen Aufträge für den Oktober in Ruhe und mit trockenem Laptop wegarbeiten kann. Nach Sizilien abhauen oder nach Korsika (auf beiden Inseln sieht es wettertechnisch aber leider nix besser aus). Noch heute Nacht von Olbia nach Citavecchia nördlich von Rom übersetzen und von da weiter nach Brindisi an der italienischen Adriaküste und direkt auf die Fähre nach Griechenland, wo das Wetter schön ist (bei diesem Modell wären wir drei Tage unterwegs, in denen ich kaum zum Arbeiten käme – passt nicht gut zu meinen Deadlines). Mir platzt der Kopf, so viele Möglichkeiten, aber keine davon passt zu dem ach so unabhängigen und witterungbeständigen Selbstbild, das ich von mir habe und in dem ich lässig bei Dauerregen unter der Markise einen pulitzerpreisverdächtigen Text schreibe, während Nico uns ein fancy gesundes Abendessen auf dem Benzinkocher zaubert.

Ach, zur Hölle mit den hohen Selbstansprüchen. Wir fahren jetzt in ein Vier-Sterne-Ressort an einem kitschigen See und mieten uns dort für zwei Nächte ein. Und essen ein ungesundes aber glücklich machendes sardisches Abendessen. Das Van Life muss mal kurz Pause machen.