Auszeit

Ich sitze in der Morgensonne auf unserer Dachterrasse in Arbus, die immer noch kein weißes Sonnensegel und keine schicken Liegen hat, dafür aber einen wirklich hübschen Blick über den Ort und in die benachbarten Hügel, und trinke meinen Kaffee. Seit drei Tagen bewegen wir uns quasi gar nicht, außer zwischen unseren kleinen Stockwerken hin und her, vom Bett zum Kühlschrank, von der Couch auf die Dachterrasse. Jeden Morgen um sieben werden wir von den unfassbar disharmonischen Glocken der Kirche nebenan geweckt. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört: Als die Glocken zum ersten Mal losschepperten, dachte ich, eine Horde Hausfrauen würde mit riesigen Topfdeckeln durch die Straßen ziehen, die sie unrhythmisch, dafür aber in Höchstgeschwindigkeit aneinander schlagen. Keine der drei Glocken der Kirche ist in irgendeiner Weise wohltönend, und für das, was sie zusammen veranstalten, muss in der Harmonielehre noch ein neuer Begriff erfunden werden. Ab halb acht legen die Handwerker im Haus gegenüber los: Mit Hämmern schlagen sie Putz oder Fliesen von den Wänden, stundenlang, mit Engelsgeduld. „Gegenüber“ bedeutet leider nur zwei Meter von unserem Schlafzimmerfenster entfernt, da die Gassen hier so schmal sind (was natürlich auch heißt, dass die Hauswände die Geräusche noch zusätzlich verstärken). Trotzdem schaffen wir es irgendwie, morgens bis halb zehn zu schlafen.
Wir genießen den Stillstand. Ich schreibe jeden Tag zwei, drei Stunden an meinen Auftragstexten und wasche nebenbei Wäsche, die ich danach klischeemäßig an einer langen Wäscheleine auf unserer Dachterrasse trockne. Nico sitzt ebenfalls vor dem Laptop und pfeift sich einen 166-teiligen Online-Kurs für JavaScript rein, abends kocht er für uns, was wir in dem kleinen Supermarkt hier im Ort bekommen können (unser einziger Versuch, nach drei Wochen auf Sardinen endlich mal unsere erste Pizza in Italien zu essen, ist krachend gescheitert: Einen Pizza-Lieferdienst konnten wir hier nicht finden, die zwei Pizzaläden, in die wir dann um neun Uhr abends in Arbus gegangen sind, um dort welche mitzunehmen, haben uns erklärt, dass wir leider keine Pizza bekommen können. Wir haben nicht verstanden, warum, sind aber unverrichteter Dinge wieder abgezogen und haben stattdessen unwillig ein Käsebrot zu Abend gegessen). Arbus ist immer noch nicht attraktiver geworden, aber für uns ist es gerade der schönste Arsch der Welt, wir genießen unsere Auszeit in vollen Zügen. Wir haben alles, was wir brauchen, und das Wetter beglückt uns mit Sonne am Tag und winterlich riechenden, sternenklaren und kalten Abenden und Nächten.

Gestern waren wir in Guspini, einem etwas größeren Ort unten im Tal. Wir brauchen dringend mehr Datenvolumen, denn was gibt es besseres, als in einer düsteren Ferienwohnung in einem italienischen Ort, in dem sie eigentlich schon tagsüber die Bordsteine hochklappen, abends Filme zu schauen? Dafür reicht aber das Datenvolumen des Internetanschlusses hier in der Wohnung nicht und das von unseren Handys schon gar nicht. Nico hat im Internet recherchiert und herausgefunden, dass es in Italien Prepaid-SIM-Karten mit dreistelligem Datenvolumen gibt. Genau so ein Ding brauchen wir! Mit Hilfe des Google-Übersetzers und Händen und Füßen schaffen wir es tatsächlich, in den Besitz einer 100 Gigabyte SIM-Karte zu kommen. Hallelujah, jetzt gibt es wirklich gar keinen Grund mehr für uns, vor die Tür zu gehen!