Das Paradies macht dicht

Wir sind auf dem Weg nach Süden. Im Eiltempo. Sechs Stunden ohne Pause hat Nico unseren Bus gestern einmal um den Golf von Korinth und über den halben Peloponnes getrieben. Nachdem ich in dem Restaurant in Amfikleia meinen Beitrag über Delphi und das Parnass-Gebirge online gestellt hatte, haben wir überlegt, wo es von hier aus hingehen soll. Euboa kommt uns in den Sinn, und ich will nachschauen, ob diese Halbinsel weit genug von Athen weg ist, um nicht in einem roten Bereich zu liegen. Öffne die Karte der griechische Regierung – und stelle mit Entsetzen fest, dass sie komplett schwarz eingefärbt ist. Diese Farbe markierte bisher nur die Region um Thessaloniki, in der vorgestern ein kompletter Shutdown verhängt wurde. Über der Karte steht, dass die neuen Maßnahmen ab dem 7. November gelten. Schnell befragen wir unsere Internetquellen, wie denn diese „neuen Maßnahmen “ aussehen, und finden unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Ab Samstagmorgen um 6 Uhr – in 41 Stunden – macht Griechenland komplett dicht. Einfach so. Nachdem es noch vor ein paar Tagen hieß, dass die verschärften Regeln zunächst vier Wochen lang gelten sollen, hat der Ministerpräsident nun entschieden, dass die Infektionszahlen zu schnell steigen, und will das komplette Land bis Ende November in Tiefschlaf legen.

Konkret bedeutet das, dass die Menschen zwischen 5 Uhr morgens und 21 Uhr abends nur noch mit einem Zertifikat ihre Wohnung verlassen dürfen (zwischen 21 und 5 Uhr gar nicht, außer sie haben ein entsprechendes Schreiben ihres Arbeitgebers). Dieses Zertifikat wird per SMS beantragt: Man kann es bekommen, wenn man einkaufen muss, zum Arzt oder zur Apotheke möchte, um mit seinem Hund Gassi zu gehen oder draußen Sport zu machen. Nico sagt sofort: „Na, dann also auf Richtung Süden, und zwar so schnell wie möglich.“
Wir hatten den Gedanken ja bereits durchgespielt, was wir machen würden, wenn Griechenland in den Lock-Down geht. Ein Apartment an einem Ort suchen, an dem es möglichst warm ist, und den Spuk dort aussitzen. Genau das tun wir jetzt: Schnell entscheiden wir uns bei Airbnb für eine kleine Wohnung in Kalamata ganz im Süden Griechenlands. Die Wohnung hat zwei Terrassen, schnelles Internet und Netflix. Außerdem liegt sie zentral in Kalamata und fast direkt am Meer – sollte das mit den SMS-Zertifikaten problemlos klappen, rechnen wir uns Chancen auf lange Spaziergänge oder Lauf- und Mountainbike-Runden aus. Auch einige Mini-Märkte sehe ich auf der Karte in der Nähe der Wohnung, falls wir mal schnell etwas besorgen müssen.

Und dann beginnt die Fahrt gen Süden. Bis weit in die Dunkelheit hinein fahren wir, die Landschaft fliegt an uns vorbei. Wir nehmen auch dieses Mal keine mautpflichtigen Straßen, zu gering erscheint uns die Zeitersparnis. Eine halbe Stunde sind uns 30 Euro nicht wert, die investieren wir lieber in eine Flasche Champagner für unseren ersten Hochzeitstag am Sonntag (an dem ich uns eigentlich in einem schicken Hotel mit Kamin und Whirlpool gesehen hatte, aber nun ja…). Außerdem: Trotz der Eile möchten wir so viel wie möglich von Griechenland sehen. Und das geht auf den Nebenstrecken erfahrungsgemäß deutlich besser als von der Autobahn aus. Wir juckeln durch hügelige Landschaften, über Ebenen voller Olivenbäume, streifen den Grossraum von Athen, gurken an Werften entlang und durch einen riesigen Ölhafen, fahren ganz unvermittelt über den eindrucksvollen Kanal von Korinth, den wir so überraschend kreuzen, dass wir noch mal eine Extra-Runde drehen, um diese Meisterleistung der Ingenieurskunst ein zweites Mal zu überqueren und richtig zu würdigen. Fast hätten wir sie übersehen! Hinter Korinth kommen wir durch die Stadt Argos, die uns mit lebhaftem Treiben auf der Straße, hübsch anzusehenden Läden, einem netten Marktplatz und einer eindrucksvoll beleuchteten Burg über der Stadt verlockt. Hier müssen wir unbedingt noch einmal hin, wenn der Lock-Down vorbei ist! Kurz hinter Argos beginnt schon wieder das Meer: Nafplio leuchtet verheißungsvoll in der Dunkelheit. Höher und höher schrauben wir uns ein Bergmassiv hinauf, den Blick immer auf das glitzernde Nafplio, dessen Lichtlinien die Schwärze der Bucht umrahmen. Kurz vor Tripoli schließlich halten wir an einem Park unter Kastanienbäumen für die Nacht.

Seit heute Morgen um 8 Uhr sind wir wieder on the road, in etwa einer Stunde sollen wir in Kalamata sein. Ab morgen sind wir dann zu drei Wochen Stillstand verurteilt – vorher werden wir definitiv noch einen Großeinkauf machen, um uns die Zeit in vier Wänden so gut es geht zu versüßen!