Reisen hinter Glas

Vor ein paar Tagen erkundigt sich meine Mutter vorsichtig am Telefon, ob Nico und ich noch friedlich miteinander sind, oder ob wir uns schon gegenseitig in den Wahnsinn treiben auf so engem Raum zusammen und seit mehr als zwei Monaten ohne die Chance auf anderweitige Gesellschaft. Und auch wenn ich aus vollem Herzen sagen kann, dass wir uns ganz und gar nicht gegenseitig auf den Keks gehen (was vermutlich vor allem Nicos unglaublichem Langmut zu verdanken ist: Selbst wenn ich mit Gott und der Welt und am meisten mir selbst hadere und das lautstark, verliert er nie die Geduld und selten die gute Laune) – wir vermissen Gesellschaft. Gespräche mit anderen Leuten, im Cafè sitzen und das Treiben um uns herum beobachten, abends essen gehen und herausfinden, wir unser Gastland schmeckt, was die Menschen hier gern essen und wie sie es tun. Wie für alle anderen auch, bedeutet der Lock-Down für uns, dass wir zuhause bleiben. Und auch wenn unser Zuhause rollt und wir durch die Windschutzscheibe schöne Landschaften und hübsche Orte sehen: Sie bleiben für uns hinter Glas. Einer der wichtigsten Aspekte einer Reise bleibt uns derzeit verwehrt: der Kontakt mit Menschen, denen man unterwegs begegnet und der Einblick ins Alltagsleben eines Landes.

Heute sind wir zu Fuß von dem Strand aus, an dem wir seit gestern Abend stehen, in das Örtchen Tyros gegangen, das sich mit seiner ein paar hundert Meter langen Promenade, den hübschen Häusern und dem kleinen Hafen in die benachbarte Bucht schmiegt. Schon gestern sind wir hier durchgekommen und haben sofort eine Vollbremsung gemacht, als wir die geöffnete Tür eines Cafés gesehen haben. Haben zwei riesige Cappuccini mit Karamelsirup und Zimt bestellt – und den Smalltalk mit dem freundlichen jungen Mann an der Barista-Maschine gefeiert als wären wir gerade nach einem Jahr in der Wildnis unserem ersten Menschen begegnet. Es war so schön, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, der hier lebt! Endlich mal für einen Moment hinter der Glasscheibe hervorkommen zu können, nicht nur stummer Zuschauer zu sein, sondern Teilnehmer.

Wie magnetisch zieht es uns daher heute wieder in den Ort. Wir grüßen jeden, der uns auf der Straße begegnet, und die Griechen, die wir bis jetzt ausnahmslos von ihrer freundlichen Seite erlebt haben, grüßen lächelnd zurück. Sehnsüchtig gehen wir an geschlossenen Restaurants vorbei, in denen im Sommer – oder wenn gerade mal kein Lock-Down ist – bestimmt die köstlichsten Speisen serviert werden. Wir fantasieren davon, wie es wäre, hier abends zu sitzen, bekocht zu werden, neue Gerichte zu probieren, dazu ein frisch gezapftes Bier (das letzte hatten wir Ende Oktober). Meine größten Freuden beim Reisen neben den Naturerlebnissen: Essen und Leute beobachten. Geht gerade alles nicht. Und natürlich landen wir wieder in dem Café von gestern. Der Barista grinst und fragt: zwei große Cappuccini mit Karamel und Zimt? Wir nicken. Plaudern mit ihm übers Wetter (ab morgen soll es fies kalt und ungemütlich werden – und damit haben wir hier an der Küste noch das bessere Los gezogen, im Landesinneren wird vor Frost, Schnee, Gewitter und Sturm gewarnt), über verschiedene Ouzo-Sorten (er mag keinen Ouzo, zeigt uns auf meine Bitte hin aber dennoch die beiden besten der sechs oder sieben Marken, von denen er Mini-Fläschchen hinter sich im Regal  stehen hat) und über den Lock-Down. Er berichtet, dass seit gestern nicht nur die Städte Argos und Nafplio, die beide keine zwei Autostunden von uns entfernt liegen und potenzielle Reiseziele für uns sind, unter Quarantäne stehen, sondern auch Sparta – die Stadt, in die wir von Mytsras aus jede Woche zum Einkaufen gefahren sind. „Ihr kommt rein aber nicht wieder raus“, warnt er. Zum Abschied meint er noch: „Passt ein bisschen auf. Viel Polizei gibt es hier nicht, aber trotzdem.“ Da kann er allerdings unbesorgt sein: Wir tragen immer brav Maske und füllen ein Permit aus, bevor wir uns mit oder ohne Bus in Bewegung setzen.

Als wir zurück an unseren Strand kommen, parkt direkt neben Mr. Norris ein Geländewagen mit belgischem Kennzeichen. Kurze Zeit später kehrt lachend eine Familie mit drei Kindern von den Felsen am anderen Ende des Strands zurück. Noch mehr Gespräche, wir können unser Glück kaum fassen! Willem und Lieve reisen seit 2018 Vollzeit mit ihren Kindern. Unterrichten diese selbst, lassen sie die Welt entdecken und lernen dabei selbst jeden Tag Neues. Ich finde sie unglaublich mutig: Ein solches Abenteuer mit Kindern zu unternehmen und damit in gewisser Weise auch gesellschaftliche Erwartungen bewusst nicht zu erfüllen, erfordert sicher viel Reflektion und Eigenverantwortung. Die beiden bestätigen das – sagen aber auch, dass es ihr größtes Geschenk ist zu sehen, wie glücklich und lernbegierig und frei ihre Kinder sich entwickeln. Wir genießen das Gespräch  – genau diese Art von Austausch, den Einblick in anderer Leute Leben, vermissen wir schon so lange. Aber wem erzählen wir das – allen anderen geht es ja genauso.

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