Warmduscher

Ein neues Zeitalter wird anbrechen. Ganz bald. Der Mann ist gerade dabei, es zu erschaffen: warmes Wasser im Bus! Zähneputzen vor dem Schlafengehen wird in Zukunft nicht mehr mit vereisten Zähnen und tauber Mundschleimhaut einher gehen und für den Abwasch müssen wir nicht erst umständlich den Kocher anwerfen. Ganz zu schweigen von einer schnellen warmen Dusche oder Haarwäsche (auch wenn beide weiterhin VOR dem Bus stattfinden müssen und der Terminus „Warmduscher“ die Lufttemperatur sträflich außer acht lässt). Was Jahrzehntelang völlig selbstverständlich für uns war, ist seit sechs Monaten ein Luxus, den wir nur in Ferienwohnungen genießen. Ganz bald nun auch in unserem Mini-Zuhause!

Vor zehn Tagen kam ein großes Paket aus Deutschland, darin eine 15 Liter-Warmwasseranlage nebst allerlei Schläuchen, Ventilen, Verbindungsstücken und einer Mischarmatur. Tagelang hatte Nico zuvor den Aufbau und Anschluss der Anlage an unseren Kühlkreislauf auf dem Papier geplant – jedes fehlende Teil könnte uns in Griechenland vor Beschaffungsprobleme stellen. Dachten wir. Inzwischen wissen wir es besser: Erstens haben wir in Theo einen Vermieter, der nicht nur unfassbar nett und hilfsbereit ist, sondern zudem auch ein exzellenter Handwerker mit einer exzellent ausgestatteten Werkstatt. Und zweitens gibt es natürlich auch in Griechenland Hardware-Stores mit allem, was man fürs Klempnern braucht. Von beidem haben wir inzwischen intensiv Gebrauch gemacht.

Ich bin nicht so der Ingenieurstyp, und wenn Ihr im Detail wissen wollt, wie wir die Warmwasseranlage installieren, schreibt uns eine Mail: Die Antwort wird dann von Nico kommen. Aber in groben Zügen sieht die Konstruktion in etwa so aus: Bevor wir Mr. Norris umgebaut haben, gab es im Inneraum eine zweite Heizung, die wir aus Platzgründen ausgebaut haben. Die Anschlüsse an der Unterseite des Fahrzeugbodens, mit denen diese Heizung mit dem Kühlkreislauf des Motors verbunden  war, existieren aber noch, und an diese schließen wir über Schläuche nun den Boiler an. Wenn wir fahren, erwärmt das heiße Kühlwasser über einen Wärmetauscher im Boiler das Trinkwasser darin. Es gibt zusätzlich die Möglichkeit, das Wasser über Strom zu erwärmen – das ist jedoch eher eine Notfalllösung, energetisch ist das nicht besonders sinnvoll.

Notwendige Voraussetzung für den Einbau, mal wieder: Löcher in den Bus bohren. Haben wir inzwischen einige Übung drin, kostet uns keine schlaflosen Nächte mehr. Die ersten paar Tage läuft alles super, Nico bohrt, schleift, rostschützt, lackiert, montiert, installiert und verbastelt diverse Schlauchteile unter den aufmerksamen Blicken einer der Nachbarskatzen, die regelmäßig vorbeikommt und seine Arbeit begutachtet. Ist zwar alles ein bisschen frickelig, weil der Wagen ja nicht leer ist, sondern wir den Boiler irgendwie im Einbau unterbringen müssen (in der Tat geht dafür ein Teil meines Kleiderfachs verloren, aber als ich die Wahl hatte zwischen mehr Klamotten und Zähneputzen mit warmen Wasser, habe ich nicht lange überlegt). Wir schließen den Boiler an unsere Wasserfilteranlage an und, hurra, er füllt sich mit Wasser! Wir proben, wie man das Wasser wieder ablässt (falls wir den Bus mal einwintern oder längere Zeit abstellen, sollte der Boiler leer sein) – aber das läuft dann leider nicht so rund (vor allem, weil wir uns ungeschickt anstellen) und endet mit ein paar kleinen Pfützen im Bus. Was eigentlich kein Problem wäre, wenn, ja wenn wir nicht mit den Löchern dafür gesorgt hätten, dass nun Bodenplatte und Dämmung offen liegen an den Stellen. Denn während wir von außen akribisch darauf geachtet haben, dass kein Spritzwasser durch das Bodenblech ins Fahrzeug gelangen kann, haben wir das in die andere Richtung schlicht vergessen.

Nico malt Horrorszenarien an die Wand, in denen sich das bisschen Wasser, das da gerade in den Bus gelaufen ist, durch die gesamte Dämmung frisst und in wenigen Monaten unser Bodenblech so rostig macht, dass wir samt Einbau auf die Straße durchbrechen. Ich sehe uns schon das komplette Inventar aus dem Bus herausreißen und die Bodenplatte ausbauen, um genau das zu verhindern. Mit düsterer Mine sitzen wir im Bus und starren auf die feuchten Löcher im Boden. Die zündende Idee für eine einfache Lösung bleibt aus, wir machen Feierabend und schlafen eine Nacht drüber. Am nächsten Morgen leiht Nico sich Theos Kreisbohrer und vergrößert die Löcher in der Bodenplatte, um zu überprüfen, wie weit das Wasser gekommen ist. Nicht sehr weit, alles ist schon fast wieder trocken. Also noch mal gut gegangen. Damit das aber nicht wieder passieren kann, habe zur Abwechslung mal ich eine gute Idee: Wir kleiden die Löcher mit Silikon aus, um so die Bodenplatte, die Dämmung und das Blech abzudichten. Wenn kein Wasser eindringen kann, kann auch nichts gammeln.

So sieht es also gerade aus, wir sind noch nicht fertig mit der Installation, aber uns hetzt ja auch niemand. Das ist tatsächlich eine der guten Seiten unseres erzwungenen Stillstands: Wir können in aller Ruhe am Fahrzeug werkeln, ohne dass uns dabei Reisezeit durch die Lappen geht. Die andere gute Seite ist, dass wir viel Gelegenheit haben, uns mit unserem Gastgeber Theo zu unterhalten. Theo ist Ende 50, seine vier Kinder sind inzwischen alle aus dem Haus, das er mit eigenen Händen erbaut hat, und in dem er mit seiner Frau Eleni und seinen Schwiegereltern wohnt. Und mit uns. Denn mit jedem davonziehenden Kind wurde der Platz im Haus größer, Theo baute um und schuf zwei Ferienwohnungen, von denen wir seit drei Wochen eine bewohnen. Alles hat er selbst gemacht, die Wände die Wasserinstallationen, die Schränke. Er sagt, er liebt es, Gäste zu haben: Da er selbst kaum zum Reisen kommt, holt er sich auf diese Weise die Welt zu sich nach Hause. Er bringt uns Olivenöl aus der eigenen Ernte, Eier von seinen Hühnern, Joghurt aus der Milch seiner Ziegen, Orangen von den Nachbarn. Seine Frau Eleni schickt uns gefüllte Blätterteigteilchen mit Spinat oder Käse und selbst gebackenes Brot, seine Katzen kommen zum Schmusen, wenn sie mich auf der Terrasse telefonieren hören. Wir fühlen uns langsam wie Familie. Theo stammt aus einem kleinen Bergdorf im Norden Griechenlands, in dem es nicht einmal Strom gab, als er ein Kind war. Eine Stunde zu Fuß brauchte er jeden Tag für den Weg zur Schule, über einen reißenden Fluss hinweg, über den ihn im Frühjahr nach der Schneeschmelze seine Mutter auf dem Rücken trug, weil es den kleinen Theo sonst weggeschwemmt hätte. Mit gerade einmal 14 Jahren ging er in die USA, Verwandte von ihm waren schon da. Acht Jahre lebte er dort, ging zur Schule und arbeitete nach Unterrichtsschluss im Restaurant seines Onkels. Verdiente gutes Geld, konnte mit dem Streben der Amerikaner nach Besitz jedoch nicht viel anfangen. Es zog ihn zurück in die Heimat, er heiratete und gründete eine Familie. Baute erst in Athen ein Haus, dann hier in Nafplio. Theo spricht Englisch wie ein Amerikaner und ist ein unglaublich interessierter, belesener und gut informierter Mensch. Es ist eine Freude, sich mit ihm zu unterhalten, und wann immer wir einander im Hof begegnen, erkundigt er sich nach unseren Fortschritten. Er nimmt sich stets die Zeit für eine Unterhaltung, und Smalltalk ist das nie. Wir reden über Politik, über Familie, Werte, darüber, was man braucht, um glücklich zu sein; über Reisen, Zuhausebleiben, Griechenland, Deutschland, die EU, Amerika, Gott und die Welt. Und auch, wenn unsere gewählten Lebensweisen unterschiedlicher kaum sein könnten, stimmen wir in den allermeisten Themen völlig überein. Viele Gelegenheiten hatten wir auf dieser Reise bisher nicht, Menschen kennen zu lernen, aber ich hatte angenommen, dass die Gleichgesinnten ebenfalls in Campern leben und reisen. Ich muss offenbar noch viel lernen – aber genau deswegen sind wir ja unterwegs.

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