Die Taverne am Peristeres Beach

Es gibt nur dieses eine – wirklich miese – Foto von diesem Abend. Auch nach mehr als zwanzig Berufsjahren als Redakteurin bringe ich es in manchen Situationen einfach nicht über mich, besondere Momente mit der Kamera einzufangen, aus Angst, sie mit dieser aufdringlichen Geste zu zerstören.

Als wir gestern Abend am Peristeres Beach ankommen, liegt ein langer Fahrtag hinter uns. Ich wollte unbedingt noch einmal in den Süden Kretas, der während der gemeinsamen Reisezeit mit unseren Freunden irgendwie zu kurz gekommen ist. Viel schwerer zugänglich als der Norden der Insel, da es hier keine durchgehende Küstenstraße gibt, sondern man all die Steilküsten und Schlucht-Ausgänge stets mühsam über unzählige Serpentinen und schmale Straßen umfahren muss, haben wir nur für die Wanderungen in der Imbros- sowie in der Aradena-Schlucht kurze Abstecher hierher unternommen. Daher wollen wir kurz vor der Abreise aus Kreta zumindest noch einmal einen Abend in einer der lauschigen Beach Bars verbringen, die wir in einer Dokumentation über Kreta gesehen haben. Die Taverne am Peristeres Beach entspricht jedem Klischee, das man über eine griechische Strandbar haben kann. In einer einsamen, traumschönen Bucht gelegen, die man nur über einen zehn Minuten lang abenteuerlich steil bergab führenden Weg erreicht. Eine Handvoll Holztische und -stühle mit den Beinen im Sand unter ausladenden Tamariskenbäumen, in denen bereits die Glühlämpchen ihr warmes Licht verströmen, als wir in der Dämmerung dort ankommen. Mein Herz ruft zwei Dinge gleichzeitig: „Großer Gott, ist das schön!!!“ und „Touristenfalle!!“

Außer uns sitzt noch eine große Gruppe deutscher Männer und Frauen mittleren Alters an einem langen Tisch. Die Frauen tragen bunte Ethno-Schals und Pluderhosen, ihre ergrauten Haare mädchenhaft lang, und eine gehässige, vorurteilsverseuchte Stimme in meinem Kopf lästert sofort: „Alt-Hippies“. Als wäre das etwas Schlechtes. Als der große bärtige Typ mit dem gemusterten Hemd, der offenbar der Wirt ist, auch noch anfängt, etwas auf einem Saiteninstrument zu spielen und eines dieser wehmütig-schönen griechischen Lieder zu singen, während uns die Kellnerin unsere Bestellung bringt, wieder die stichelnde Stimme: „Der weiß genau, dass die Alt-Hippies auf sowas stehen.“ Später, unsere Teller sind inzwischen leer und unsere Bäuche voll und die Alt-Hippies längst verschwunden, steht der Wirt hinter der Bar und spielt immer noch auf seiner Laouto (so heißt das Saiteninstrument, wie ich später erfahren werde). Der Mann und die beiden Frauen, die bisher am Tisch hinter uns gesessen und sich auf Deutsch unterhalten haben, erheben sich, um zu zahlen. Lauschen an der Bar eine Weile der Musik – und werden von der Kellnerin zum Tanzen aufgefordert. Langsam setzen sie einen Fuß vor den anderen, in einer Reihe stehend und einander an den Armen umfassend. Mein Klischee-Detektor schlägt erneut aus.

Irgendwann sitzen nur noch Nico und ich an dem Tisch, der am weitesten entfernt von der Bar steht. Plaudern unter dem Sternenhimmel, während der Wirt, die Kellnerin und ein paar Männer in schwarzen T-Shirts, die irgendwann unbemerkt irgendwo aus der Nacht aufgetaucht sind, um die Bar herum stehen. Lachen, Bier trinken, singen. Zum Wirt mit der Laouto hat sich ein weiterer Mann mit einem kleinen Saiteninstrument – einer Bouzouki – gesellt. Kein Tourist mehr da (wir zählen nicht mehr, wir haben seit Stunden nichts bestellt und sitzen viel zu weit weg), und da wird immer noch das Klischee gelebt? Ich flüstere der misstrauischen Stimme in meinem Kopf erleichtert zu: „Siehst Du? Doch nicht nur alles Fassade.“ Wir leeren unseren letzten Schluck Wein, Nico geht zum Zahlen Richtung Theke, ich noch kurz Richtung Bad. Als ich zurückkomme, steht mein Mann mit einem Glas Bier in der Hand in angeregter Unterhaltung bei dem Bouzouki-Mann. Der streckt mir grinsend die Hand entgegen: „Manoli. Hier, ein Bier.“ Verdattert nehme ich das Glas – und in den nächsten beiden Stunden werden alle meine kleinlichen Gedanken von einer Woge aus Gelächter, Gesang und Geschichten hinfortgespült.

Da ist Alexandros mit dem jungen Gesicht und dem uralten Rauschebart, der ihm bis zur Mitte seines das gemusterte Hemd spannenden Bauches fällt. Nicht der Wirt, sondern der Barkeeper. Abends. Tagsüber arbeitet er als Musiklehrer, bringt seinen Schülern das Spiel auf der Laouto bei und erzählt mit vor gespielter Kälte klappernden Zähnen, wie er einmal über Neujahr mit seinen Musikerkollegen in Düsseldorf zu einer Feier der dortigen Exil-Kreter eingeladen war und jedes einzelne Teil aus seinem Koffer übereinander angezogen hat, weil es so verflixt kalt war in Deutschland. Wie eine Kollegin dort in 30 Sekunden eine Zigarette vor der Tür der Kneipe geraucht hat, weil man in Deutschland ja nur draußen rauchen darf – und es doch so verflixt kalt war. Da ist Manoli, der Bouzouki-Mann, dem die Taverne gehört, und der mit glänzenden Augen als Gast vor seiner eigenen Theke sitzt, mit seinem Barkeeper Musik, Zigaretten und Bier teilt und später mit allen ein Video, auf dem die Security-Kamera hinter der Theke Alexandros und einen weiteren Barkeeper dabei ertappt hat, wie sie sich mitten in der Arbeitshektik schnell und absolut synchron ein Bier hinter die Binde kippen. Manoli lacht dröhnend über diesen Schnappschuss – und Alexandros lacht gutmütig mit. Da ist Mano, der baumlange Kerl, der auf meine Frage nach seinem Job antwortet „I have ssiep“ – und auf unsere Nachfrage, ob Motorboot oder Segelboot erst verwirrt guckt – und sich dann ausschüttet vor Lachen, weil er „sheep“ meinte – Schafe – nicht „ship“. Uns später, als wir sagen, dass wir jetzt mal langsam genug Bier hatten, aufzieht: „Was wartet denn morgen früh auf Euch? Müsst Ihr dringend irgendwo hin? Meinen Schafen ist es jedenfalls egal, ob ich um sieben oder um acht anfange.“

Da ist Yannis mit dem melancholischen Blick hinter dem eleganten Brillengestell, der Journalist, der eine Internet-Nachrichtenseite für Kreta betreibt, es mit Sorge betrachtet, dass 60% der Medien in Griechenland der Regierung nach dem Mund schreiben und viele Zeitungen reichen Wirtschaftsbossen gehören, und den es irritiert, dass die jungen Leute heute alle nur noch am Smartphone hängen. „Du hast was von der Welt gesehen, ich hab‘ was von der Welt gesehen. Wir stehen hier und reden. Aber wenn man einen von den Jungen fragt, ob sie mit runter hier in die Taverne am Strand kommen wollen, um zu quatschen und Musik zu machen, dann sagen sie, ach nein, das interessiert mich nicht.“ Yannis ist so alt wie ich. Da ist die junge Kellnerin in dem geblümten Sommerkleid, bildschönes Gesicht, lange, schwarze Locken, deren Namen ich irgendwann aufschnappe und sofort wieder vergesse, da er mir selbst in Gedanken unaussprechlich erscheint. Die als einzige den ganzen Abend über keinen Tropfen Alkohol trinkt aber fröhlich mit den Beinen wippend auf einem Hocker hinter der Bar sitzt, Bier zapft und jedes der Lieder, die Alexandros auf der Laouto spielt, mit ihm im Duett singt. Die irgendwann morgens um zwei sagt „Ich gehe jetzt schlafen, Ihr wisst ja, wo der Zapfhahn ist“, Alexandros zärtlich auf den Mund küsst und entschwindet. Und mitten drin wir. Die Touristen. Die einfach hineingesogen wurden in den Kreis derer, die hier immer hinkommen. Und die heute morgen leicht verkatert aber mit dem Gefühl aufgewacht sind, dass das Leben leicht und gut ist, und dass manchmal hinter einem Klischee etwas viel Schöneres, Echtes steckt.

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