Vive la France!

Ich weiß nicht, warum Frankreich jahrzehntelang ein blinder Fleck auf meiner Reiselandkarte war. Immer wieder gut für einen Abstecher – wenn man fast 20 Jahre lang im Rheinland lebt, bleibt das kaum aus -, regelmäßige berufliche Termine in Lyon oder Paris, aber als RICHTIGES Reiseziel, das man ausdauernd um seiner selbst willen besucht, habe ich Frankreich nie auf der Agenda gehabt. Wie blöd! Zum Glück habe ich meinen Fehler letztes Jahr bemerkt, als wir gleich zwei Mal auf der Durchreise hier waren, einmal im Sommer auf dem Weg in den Spanien-Urlaub und dann noch einmal, in den ersten zehn Tagen unseres großen Abenteuers, auf dem Weg nach Sardinien (ich sag ja, es lohnt sich fast immer, dem Navi Mautstraßen und Autobahnen zu verbieten…). Viel Zeit haben wir auch diesmal nicht, Mitte Oktober sind wir mit Freunden an der andalusischen Atlantikküste verabredet, bis dahin sind es noch 17 Tage und 3.000 Kilometer, als wir nach fast zehn Wochen Deutschland-Urlaub bei Nicos Eltern am Niederrhein aufbrechen. Aber für ein bisschen Normandie, ein paar Tage Bretagne und eine Tour an der französischen Atlantikküste entlang muss es einfach reichen!

Der Plan ist alles andere als ausgereift, den ganzen Sommer über verwenden wir wenig Gedanken darauf, wie unsere Reise weitergehen soll. Genießen die Zeit zuhause mit Freunden und Familie, stöhnen nur manchmal leise über das volle Programm, das wir uns da zusammengeplant haben (okay, das ICH uns da zusammengeplant habe in dem Wunsch, alle meine Lieben zu sehen und keine Gelegenheit für schöne Erlebnisse auszulassen. Nach zehn Monaten Lock-Down in Griechenland war mein Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit riesig – leider habe ich in den selben zehn Monaten Lock-Down offenbar auch verlernt, eine komplett durchgetaktete Woche als etwas zu empfinden, das ich mal eben locker aus dem Ärmel schüttle. Früher war sowas bei mir normal… Note to myself: Beim nächsten Heimaturlaub weniger Programm!). Irgenwann entsteht dann aber doch sowas wie ein Plan: Frankreich und Spanien im Oktober und November, im Dezember wollen wir dann wieder nach Deutschland, Weihnachten mit der Familie feiern, solange wir sie noch so nah dran haben. Denn die nächsten beiden Weihnachtsfeste werden wir, wenn diesmal alles glattgeht, auf einem anderen Kontinent verbringen: Im April 2022 – mit zwei Jahren Verspätung! – wollen wir Mr. Norris nach Halifax verschiffen! Kanada und die USA haben ihre Grenzen endlich wieder für Touristen geöffnet, und wir sind nach wie vor wild entschlossen, unseren Traum von einem Roadtrip auf der Panamericana in die Tat umzusetzen!

Aber jetzt erstmal Frankreich. Über Holland und Belgien sind wir in wenigen Stunden in der Nähe von Lille, ohne Grenzkontrollen oder Papierkram, ich LIEBE Europa. Während den gebrexiteten Briten das Benzin ausgeht und sie vor halbvollen Supermarktregalen stehen, sitzen wir mit frischem Baguette, einer exquisiten kleinen Käseauswahl und einer Flasche Bordeaux an einem Feldrand und bestaunen unseren ersten Sonnenuntergang zurück auf der Reise.

Die Route entsteht beim Fahren: Einen Stopp in der Normandie hatten wir eigentlich gar nicht geplant, aber Nico stolpert bei der Suche nach Wissenswertem über die Regionen, durch die wir fahren, immer wieder über den D-Day und all die Orte in der Normandie, in der dieser furchtbare und  zugleich befreiende Teil der Weltgeschichte bis heute erinnert wird. Wir beschließen, an den Utah Beach zu fahren, an dem die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 das Ende des Zeiten Weltkrieges einläutete. Als wir ankommen, stürmt es so heftig, dass unsere Schirme, mit denen wir uns auf dem Weg vom Parkplatz zum Museum notdürftig vor den Wassermassen aus dem bleigrauen Himmel zu schützen versuchen, in Sekundenbruchteilen umknicken. Der Wind heult um das einsam zwischen den Dünen liegende Gebäude, durch dessen riesige Glasscheiben wir die Wogen des Ärmelkanals an den Utah Beach krachen sehen. Weltuntergangsstimmung, passend zu den Geschichten von Kriegstaktiken und Angriffsplänen, Panzersperren und Seeminen, Fallschirmtruppen und Landungsboten, geflutetem Marschland und minutiös getimten Bombenabwürfen, Besatzern, Ohnmacht, Angst und stillem Widerstand. Nur, dass das keine Geschichten sind, sondern Geschichte. Die zahllose Menschen das Leben gekostet hat in einem sinnlosen Krieg (gibt es überhaupt andere als sinnlose Kriege?). Mich berühren die vielen persönlichen Zeugnisse der Zeit, die in dem Museum zusammengetragen sind: Briefe von Verlobten an ihre Geliebten an der Front, Fotos, Helme, eine Weihnachtskarte, eine amerikanische Flagge mit Einschussloch, Essgeschirr, eine Tasche, auf der noch getrocknete Blutflecken zu sehen sind. Und die Videoaufnahmen von alten Menschen, die noch so jung waren, als die Deutschen Frankreich besetzten. Die bis heute im Dorf neben Utah Beach leben und sich vor der Kamera erinnern an diese Zeit, an das, was damals ihr Alltag war. Ich fühle mich seltsam, hier als Deutsche durch die Ausstellung zu gehen – obwohl ich damals noch nichtmal geboren war. Wir beschließen, auch den Abend in diesem Dorf – Sainte-Marie-du-Mont – zu verbringen. Flüchten vor Regen und Sturm in eine warme Brasserie, essen normannischen Käse und Baiser mit Beeren – und sind dankbar für den Frieden, in dem wir leben.

Grauen und Schönheit nah beeinander: Von den Landungsstränden der Alliierten nach Le Mont Saint Michel sind es gerade mal zwei Fahrstunden. Hier, an der Grenze zwischen Normandie und Bretagne, auf einem Felsen im Atlantik, erhebt sich eine Kathedrale, so kühn, dass sie nur ein Heiliger geplant haben kann. Der Erzengel Michael selbst soll sie in Auftrag gegeben haben, und da steht sie nun seit Jahrhunderten mitten im Ozean. Fels und Kloster zu einer Einheit verschmolzen, die man vom Land aus nur über einen einen Kilometer langen Weg durch das Wattenmeer erreicht. Enge Stiegen und schmale Gässchen führen hinauf zur Klosterkirche, der ganze Komplex wirkt wie aus einem Märchenbuch gepurzelt. Auf der Seeseite rollt das Wasser gegen das Fundament des Felsens, im Altarraum der Kirche stehen drei Männer und zwei Frauen, die ein Gesangsstück für ein abendliches Konzert proben. A Capella. Mit Stimmen wie von Engeln.  Unwirklich schön.

Aber nicht nur solche Orte, auch die Landschaften der Normandie und der Bretagne selbst sind eine Attraktion. Wie eine Mischung aus Asterix, südenglischer Romantik und den Bildern alter Flämischer Meister wellen sich sattgrüne Wiesen unter einem Himmel, der im Minutentakt zwischen strahlendem Blau, wilden Wolken und glitzernden Regenschauern wechselt. Hier und da grasen cremefarbene und kastanienbraune Kühe, niedrige Hecken und windschiefe Holzzäune teilen das Land in hübsche kleine Rechtecke, zwischen denen gelegentlich die schlanken Türmchen der Dorfkirchen herausragen. Hortensien an schiefergrauen Hauswänden, Reetdächer, Stockrosen, Fachwerk. Verwitterte Friedhöfe mit steinernen Kreuzen und wuchtigen Gruften. Und immer wieder die See, die gegen Steilküsten braust oder in tief eingeschnittenen Buchten zwischen Wiesen und unter Brücken in der Sonne leuchtet. Wieso haben wir bloß immer zu wenig Zeit? Nach einer Woche reißen wir uns los und fahren weiter Richtung La Rochelle: Von hier aus geht es morgen für ein paar Tage am Atlantik hinab Richtung Süden, noch 1.500 Kilometer und nur noch acht Tage übrig – merde!

Ein Kommentar

  1. So habe ich Mont Saint Michel auch empfunden – wie einem Märchen entsprungen! Als wenn man im Disneyland auf das Schloß zu geht.
    Nur noch schöner! Atemberaubend!
    Und die Gassen unterhalb des Klosters erinnern mich an die „Winkelgasse aus Harry Potter“ – allerdings gab es den noch nicht, als ich damals dort war! 😉
    Wunderschöne Bilder! Ich muss unbedingt noch einmal in die Normandie.
    LG, Astrid

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