Unerwarteter Besuch

Die Hunde sind nicht mehr gekommen. Dafür sind die Camper geblieben, dann ein weiterer hinzugekommen – unser Zeichen zum Aufbruch. Wir rumpeln die Ruckelstrecke aus der Bucht bei Epidauros wieder hinauf und die 40 Minuten zurück zu unserem Hügel neben dem Kloster bei Argos. Machen einen kurzen Abstecher zum antiken Theater von Epidauros in der Hoffnung, dass man von der Straße aus etwas von dem für seine Akustik weltberühmten Amphitheater sehen kann: Bis zu 14.000 Besucher fasst das riesige Halbrund, bis in die letzte Reihe hinauf kann man das „Pling“ klar und deutlich hören, wenn jemand unten auf der Bühnenfläche eine Münze fallen lässt. Wir fahren über einen riesigen Parkplatz und können uns die Busladungen von Touristen vorstellen, die hier im Sommer hergekarrt werden. Heute ist alles leer, da auch die antiken Stätten wegen der Pandemie geschlossen sind. Leider ist das Areal viel zu weitläufig, als dass man einen Blick auf das Theater erhaschen könnte – na ja, war einen Versuch wert.

Hier noch nachgereicht das Video, das wir auf unserem Hügel mit der Drohne aufgenommen haben.

Selten habe ich auf dieser Reise so oft auf die Wetter-App geschaut, wie in den letzten Tagen: Ab Samstag soll eine Kaltwetterfront dem halben Mittelmeerraum für dortige Verhältnisse arktische Temperaturen bescheren. Schnee und Eis in Nord- und Mittelgriechenland, nur ein paar Grad über Null selbst bei uns auf dem Peloponnes. Wir schauen immer wieder auf die Wetterdaten der Orte weiter südlich: Gythio und Monemvasia im Osten, Pylos im Westen. Eine Woche mindestens soll die Kälteperiode andauern, an manchen Tagen grau und regnerisch, an anderen sonnig und klar. Wir entscheiden uns schließlich, zum Ende der Woche in die Gegend von Gythio zu fahren und markieren ein paar aussichtsreiche Stellplatzmöglichkeiten – als wir plötzlich Motorengeräusche und das Knirschen von Reifen auf Schotter den Hügel hinaufkommen hören. Erst zwei Mal in all den vielen Tagen, die wir hier schon gestanden haben, hat sich ein Fahrzeug blicken lassen. Wir gucken uns an – und dann schieben sich ein grauer Kleinwagen und zwei Polizeimotorräder mit drei Uniformierten darauf in unser Blickfeld.

Zwei Männer in Zivil steigen aus dem PKW und kommen zu Fuß auf uns zu, wir setzen schnell die Masken auf und grüßen. Wie lange wir hier schon stehen, will der wissen, der etwas Englisch spricht. Seit gestern. Ob wir letzte Woche auch schon mal hier gestanden hätten. Ja, ein paar Nächte. Er möchte unsere Ausweise sehen. Der andere nimmt sie entgegen und beginnt zu telefonieren, ich lerne in einem Crahskurs das griechische Alphabet, da er dem Menschen am anderen Ende der Leitung geduldig unsere Namen buchstabiert. Ob wir hier übernachten wollen, fragt der, der etwas Englisch spricht. Schaut überrascht, als wir bejahen. Sind wir im Urlaub hier? Hatten wir Probleme, nach Deutschland zurückzureisen? Wir sollten es doch einfach mal versuchen, er sei sicher, wir dürften heimreisen. Aber wir wollen gar nicht nach Hause. Es ist schön in Griechenland, sage ich. Er lacht, ich glaube, er kann sich einfach nicht vorstellen, dass wir nicht aus der Not heraus hier stehen. Geht doch auf einen Campingplatz, schlägt er vor. Dann fällt ihm ein, dass die vermutlich wegen der Pandemie gar nicht geöffnet haben. Schaut noch einmal auf unseren Bus und meint, wir sollten bitte nicht mehr allzu lange hier stehen. Sollen wir direkt aufbrechen, frage ich? Nein, nein, bis morgen könnten wir ruhig bleiben. Ihm sei es egal, nur allzu lange eben nicht. Dann fügt er in besorgtem Ton hinzu, es sei ja nicht ganz ungefährlich: Hier sei doch kein Mensch und nachts werde es stockduster. Ich muss innerlich lachen – genau deswegen stehen wir ja hier. In den inzwischen acht Nächten, die wir nun auf dem Hügel verbracht haben, hat sich der Spot weder als Treffpunkt für den lokalen Drogenhandel noch als Kultstätte einer militanten religiösen Sekte erwiesen. Einmal kam ein Hund vorbei, der hat uns aber ignoriert. Die Männer geben uns unsere Ausweise zurück, der, der Englisch spricht, verabschiedet sich mit den Worten: I had a friend in Germany. I said to him „Ich liebe Dich“. Wiederholt noch einmal „Ich liebe Dich“, lacht schallend und stapft zurück zu seinem Fahrzeug. Während der gesamten Zeit haben die drei Polizisten auf den Motorrädern sich nicht einen Schritt in unsere Richtung bewegt. Sind unten am Weg auf ihren Maschinen sitzengeblieben, haben geplaudert und gelacht, der eine hat einen Kaffeebecher aus seiner Gepäcktasche geholt und in Ruhe daraus getrunken.

Als alle wieder verschwunden sind, mit knirschenden Reifen den Weg hinab gerollt, fragen Nico und ich uns, was zur Hölle das gerade war. Auf Wildcamper waren die offensichtlich nicht aus, ansonsten hätten sie uns einfach vertrieben oder uns ein Bußgeld auf die Nase gedrückt, wie es die Cops auf Sardinien gemacht haben. Da sie zu fünft kamen, haben sie in unserem kleinen Bus offenbar irgendetwas erwartet, das ein paar Offizielle mehr erfordert. Ein Crystal Meth-Labor? Das horizontale Gewerbe? Illegales Glücksspiel? Dass wir hier einfach nur stehen und übernachten hat sie jedenfalls eher verwundert – und auch wir finden die ganze Szene eher schräg als besorgniserregend. Müssen aber doch lachen, dass wir aus der Bucht weggefahren sind, weil wir es zu aufmerksamkeitserregend fanden, dort mit mehreren Fahrzeugen zu stehen – um dann am Arsch der Heide Besuch von der Polizei zu bekommen. Wir genießen noch einen letzten Sonnenuntergang und eine letzte Nacht mit Blick auf unser argolisches Los Angeles, dann machen wir uns auf den Weg weiter Richtung Süden. Und werden gestern Abend mit einem so traumhaften neuen Stellplatz belohnt, dass wir fast dankbar sind, dass wir schon einen Tag früher losgefahren sind als eigentlich geplant.

Ich kann mich nicht sattsehen an der Kulisse dieser Steilfelsen hier. Was für ein Privileg, an einem solchen Ort morgens seinen Kaffee zu trinken! Das ist es, was mir am Reisen in unserem kleinen Bus am besten gefällt: Dass wir an wunderschönen Orten einschlafen und wieder aufwachen. An solchen Orten stehen keine Hotels. Und wenn sie es täten, wären sie vermutlich unbezahlbar. Wir bekommen diesen Blick geschenkt, und bei allen Einschränkungen, die das Reisen in einem so kleinen Fahrzeug auf der einen Seite mit sich bringt: Die Freiheit, an solchen Orten zu übernachten, wiegt das allemal auf.

Leider können wir nur eine Nacht bleiben: Erstens ist es ziemlich windig hier oben, und der Wind soll im Laufe des heutigen Tages noch ordentlich auffrischen. Zweitens liegt in den Büschen überall Toilettenpapier und anderer Müll – ein untrügliches Zeichen, dass der Platz regelmäßig Besucher hat (und eines der Dinge, die mich jedes mal auf die Palme bringen: Wenn die Leute schon in die Büsche pinkeln, warum zum Teufel können sie ihr Papier nicht wieder mitnehmen und im Mülleimer entsorgen? Ich versteh‘s einfach nicht. Von Wasserflaschen, Pappbechern und leeren Zigarettenschachteln mal ganz zu schweigen. Aber das hat mich auch in Köln am Rhein oder im Volksgarten schon immer aufgeregt: Dass Leute alles mögliche zum Grillen oder Picknicken dort hinschleppen können, sich dann aber offenbar außerstande sehen, die Reste auch wieder mitzunehmen). Also werden wir uns gleich nach einem Stellplatz umsehen, an dem wir einige Tage lang ungestört bleiben können. Ab Sonntag soll es dann richtig ungemütlich werden – vielleicht Zeit, uns mal wieder eine feste Unterkunft zu suchen?

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