Menalon-Trail – Teil 1

„Uährg, die riechen wie ein totes Tier!“ Angewidert rümpft Nico die Nase und lässt seine feuchten Wandersocken auf die Fliesen neben sich fallen. Seit zwei Tagen sind wir auf dem Menalon-Trail unterwegs, knapp 45 Kilometer und mehr als 2.000 Höhenmeter stecken uns in den Knochen, als wir an dem Abend in unserer Unterkunft in dem Bergdorf Elati ankommen. Nicht mal einen Minimarkt gibt es hier, deswegen habe ich heute morgen in Dimitsana eine Packung  Nudeln und ein Glas Pesto gekauft und beides acht Stunden lang über Stock und Stein hierher geschleppt  – am Abend nach einem Wandertag nichts zu essen zu bekommen, wäre die Höchststrafe! Und noch etwas – komplett unvernünftiges – habe ich auf meine eh schon schmerzenden Schultern geladen: eine Flasche Bier. Halber Liter, Glasflasche, genau das, worauf wir Ultralight-Trekker stehen! Aber ich habe es heute früh in Dimitsana einfach nicht übers Herz gebracht, den guten Schluck zurückzulassen. Gestern Abend, am Ende unserer ersten Etappe von Stemnitsa nach Dimitsana, waren wir so fertig, dass wir die zweite Flasche Bier nicht mehr geschafft haben. Die Monate auf der Couch bzw. im Stillstand haben ihren Tribut gefordert, nach über 20 Kilometer und 1.000 Höhenmetern – ein paar davon ganz und gar nicht planmäßig – waren wir fix und fertig. Aber was für ein Tag das war! Bei strahlendem Sonnenschein wandern wir in Stemnitsa, einem an manchen Stellen fast senkrecht in den Fels gebauten Dörflein über der Lousios-Schlucht im Herzen Arkadiens, los. Am Abend zuvor sind wir mit unserem Bus für die Nacht einfach an der Ausfahrtsstraße von Stemnitsa stehen geblieben: Der Sonnenuntergang über der Schlucht war so spektakulär, der Blick über gefühlt ganz Arkadien so berauschend, dass wir uns auf die Aussichtsbank gesetzt und bis zum Aufgang des hellen Mondes über diesen herrlichen Flecken Griechenlands geschaut haben.

Der erste Teil des Menalon-Trails windet sich als schmaler Pfad gemütlich am Rand der Schlucht hinab, die der Fluss Lousios gegraben hat (und in dem die Nymphen angeblich den Göttervater Zeuss als Säugling badeten). Wir sind entzückt, so haben wir uns Arkadien vorgestellt: Grün und beschattet und dekorativ steinig, mit jeder Kurve hübscher und bukolischer. Tief unten hören wir den Fluss rauschen, als wir unter einem makellos blauen Himmel zwischen stacheligen, immergrünen Eichen, an Steinbänken und kleinen Mäuerchen vorbei über kurze gepflasterte Wegabschnitte und an einer Kapelle vorbei wandern. Als der Fluss schon ziemlich laut rauscht, biegen wir um eine Ecke, durch das Blätterdach wird der Blick nach oben frei – und mir bleibt nicht nur bildlich gesprochen sondern ganz real der Mund offen stehen: Hoch oben, in einem physikalisch nahezu unmöglichen Winkel, klebt ein Kloster an der senkrechten Felswand. Ioanni Prodromou, Johannes dem Täufer geweiht. Die Holzkonstruktion des tragenden Gebälks sieht aus, als müsse sie jeden Moment zusammenbrechen. An jedem der winzigen Balkone, die aberwitzig aus dem Fels hervorspringen, ist eine Leine gespannt, auf der ein fadenscheiniges, von tausendfachem Waschen vergrautes Handtuch hängt – die Schlafräume der Mönche? Ich kann nicht aufhören, nach oben zu starren, das ganze Gebäude atmet eine so zufriedene Stille und einen so vergnügten Frieden aus, dass mein Herz kribbelt. Ein Zitronenfalter schwebt vor mir den Weg entlang. Fast zwanzig Minuten brauche ich, bis ich endlich den Blick losreißen und ihm und dem kleinen Bächlein, das hier neben dem Weg hervorspringen und abwärts Richtung Fluss strebt, zu folgen.

Kehre um Kehre geht es weiter hinab, dann über eine Brücke hinweg über den inzwischen laut dröhnenden Gebirgsfluss. Der Zitronenfalter flattert nach links, ich folge ihm. Nach zehn Minuten am Grunde der Schlucht entlang  plötzlich Nicos Stimme hinter mir: „Wir sind falsch!“. Der Zitronenfalter ist weg. Wir starren auf die Karte, wie kann das sein? Es gibt doch nur diesen einen Weg und in der Trailbeschreibung stand, dass wir den Fluss queren? Dann die Erkenntnis: Schon oben unter dem Kloster hätten wir rechts gemusst. Vor lauter offenem Mund die Augen zu gehabt und die Markierung übersehen. Also den ganzen Weg wieder hoch – fast eine Stunde kostet uns dieser Umweg, von dem ich jeden Meter genossen habe. Ihn allerdings im Verlaufe des Nachmittags doch langsam verfluche, weil mir allmählich die Füße und die Schultern weh tun. Dabei geizt auch der zweite Teil der ersten Etappe nicht mit Reizen: Immer wieder spektakuläre Blicke über die Schlucht und in die Berge. Wir überqueren auf der anderen Schluchtseite, die wir mit müder werdenden Beinen erklommen haben, den Hof eines weiteren Klosters, auf dem uns außer einigen aufgeregt bellenden Hunden und einem Dutzend faul in der Sonne dösender Katzen keine Seele begegnet. Gehen an lose befestigten Hängen den Fluss weiter entlang, sehen von einem Punkt aus plötzlich beide Klosteranlagen rechts und links über der Schlucht. Und weit vorn und hoch oben endlich auch Dimitsana, unser erstes Tagesziel. Noch mehr als zwei Stunden müssen wir unter sinkender Sonne und in der aufziehenden Dämmerung wandern, ein Bachbett hinauf, in dem wir von Stein zu Stein springen müssen, um keine nassen Füße zu bekommen. Durch ein verlassen aussehendes Dorf, in dem hinter einem Zaun wie wild drei Hunde kläffen. Noch ein nur halb bewohntes Dorf, noch mehr kläffende Hunde. Dann, endlich, im letzten Licht des Tages, Dimitisana. Im Minimarkt fragen wir nach unserer Wirtin, die kommt nach ein paar Minuten mit einem Päckchen in der Hand herbeigeeilt und führt uns zahlreiche Stufen hinauf (unsere Waden protestieren lautstark) in unser Zimmer für die Nacht. In dem Päckchen ist frisch gebackener Kuchen: Wir sind die ersten Gäste, die Dimitsana in diesem Jahr hat, sagt die Wirtin. Die Kirchturmuhr schlägt scheppernd sieben, wir brechen auf dem Bett zusammen und schaffen unser zweites Bier aus dem Minimarkt nicht mehr.

Zwölf Stunden später steigen wir wieder in unsere Wanderstiefel. Trinken einen Kaffee in der Bäckerei gegenüber, decken uns mit Proviant ein und verlassen Dimitsana bergauf Richtung Elati. Die Schlucht und die umliegenden  Berge schimmern in der Sonne, unter der sich die Dunstschleier des frühen Morgens langsam auflösen. Der Trail führt uns tiefer in die Berge, über Almwiesen bis in den kleinen Ort Zygovisti, in dem ein riesiges aufgeschlagenes Buch aus Stein an die Gefallenen der griechischen Revolution von 1821 gegen die osmanische Herrschaft erinnert. Still und friedlich liegt das Dorf im Sonnenschein, auf dem Marktplatz rufen zwei Männer freundlich „Yassas!“. Weiter geht es, hinein in die Berge, die Landschaft wird rauer, der Untergrund gerölliger. Und der Wald langsam dichter: Die Tannen, die das Bild des Menalon-Gebirges prägen, drängen sich allmählich in den Vordergrund.

Den ganzen restlichen Tag lang wandern wir durch Tannenwald. Lichten, schönen Tannenwald, nicht den düsteren Tann‘, den ich vor meinem inneren Auge hatte, als ich die Trailbeschreibung gelesen und mich innerlich für einen wenig erfreulichen Tag gewappnet habe. Dicke bemooste Felsen und Baumstämme geben der Szenerie etwas Märchenhaftes, über Stock und Stein, Wurzeln und immer wieder über Bächlein führt uns der Weg. Die Tour ist lang, wir haben zwei Etappen zusammengefasst, weil wir nur in Elati eine Unterkunft finden konnten. Als wir kurz vor dem Sonnenuntergang endlich dort ankommen, streife ich stöhnend den Rucksack von den Schultern und ziehe triumphierend das Bier daraus hervor, während Nico sich die Socken von den Füßen zieht  – selten hat ein halbes Bier so gut geschmeckt!

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