Menalon-Trail – Teil 2

Die ersten Schritte nach dem Aufstehen sind die schlimmsten. Die Wadenmuskeln ziehen sich beleidigt zusammen, die Fersen jaulen bei jeder Berührung mit dem Boden leise auf und die Schultergelenke knirschen wie alte Bettfedern. Vielleicht sind mit zehn Kilo Marschgepäck beladene Fahrradrucksäcke doch nicht so ideal zum Wandern. Nach dem ersten Kaffee sieht die Welt wieder freundlicher aus, außerdem beruhige ich meine geschundenen Knochen mit der Aussicht auf eine kurze Etappe: Von Elati nach Vytina sind es nur neun Kilometer (falls wir nicht wieder vom Weg abkommen) und kaum Höhenmeter. Wir beginnen die Tour auf der Straße, anstatt uns den Markierungen folgend wieder in den Wald zu schlagen: In der Trailbeschreibung wird auf dem ersten Stück des Weges vor aggressiven Hütehunden gewarnt. Mit diesen wild bellenden Zeitgenossen hatten wir schon ein paar unerwartete Begegnungen, und ich habe bisher kein Patentrezept gefunden, mich davon nicht in Stress versetzen zu lassen (den die feinfühligen Viecher natürlich sofort wittern und mich erst recht als Opfer betrachten). Nico ist da beherzter als ich und schreitet selbstbewusst voran, wenn uns mal wieder einer der Hütehunde wie von Sinnen anbellt („Wir sind ja auch keine kleinen Tiere, mal sehen, wer hier vor wem weicht!“). Ich kriege schon Schweißausbrüche, wenn ich in der Ferne eine Ziegen- oder Schafsherde läuten höre und rechne umgehend damit, dass einer der Hunde seinen Job überambitioniert ernst nimmt und uns für Viehdiebe hält. Ich bin mit Hunden aufgewachsen und kann an keiner Fellnase vorbeigehen, ohne sie streicheln zu wollen. Aber diese wilden Gesellen machen mir Angst: Sie haben nichts mit unseren sozialisierten Stadthunden zu tun. Sind Arbeitstiere, wenig Gutes gewohnt von ihren Herren und darauf getrimmt, ihre Herde (oder im Falle von Hofhunden – die hier auf dem Land jeder Bauer auf seinem Grundstück hält aber deswegen leider noch lange nicht immer das Tor schließt – ihr Revier) mit Leib und Leben zu verteidigen. Um es kurz zu machen: Wenn ich die Gelegenheit habe, vermeide ich solche Begegnungen lieber.

Die Entscheidung, die ersten Kilometer auf der Straße zu wandern, erweist sich keineswegs als Kompromiss: Wir haben die schmale alte Landstraße fast für uns alleine und einen sonnenbeschienenen Blick über das Tal und den dunklen Wald auf der gegenüberliegenden Seite, in dem wir jetzt eigentlich gehen würden. Für meinen Geschmack hatten wir gestern genug Wald, ich genieße den stillen, warmen Morgen auf Asphalt (und grinse schadenfroh, als ich weit unten Gekläffe höre: Heute kriegen sie mich nicht!).

Als wir genug Abstand zur Meute haben, wechseln wir auf einem schmalen Schotterweg hinüber auf die andere Talseite und folgen dem Fluss, der hier fließt, in eine felsige Schlucht. Eine halb verfallene Holzbrücke ist unser einziger Weg über den Fluss, damit wir an der anderen Seite wieder aufsteigen können. Vorsichtig balancierend setze ich Schritt für Schritt auf dem einzigen Balken, der bis etwa zur Mitte des Stegs noch erhalten ist (die Querlattungen hat offenbar das letzte Hochwasser mit sich gerissen) und schaffe es trockenen Fußes hinüber. Nico folgt deutlich schneller, er weiß ja jetzt, dass der Steg hält.

Als wir oben am Schluchtrand ankommen, sehen wir Vytina bereits vor uns liegen und wähnen uns am Ziel  – als plötzlich ein Schuss fällt. Dann noch einer. Verdammt nah. Jäger? Eine Militärübung? Besoffene Halbstarke, die auf einer Wiese das Gewehr ihres Opas ausprobieren? Nico wirft seinen Rucksack auf den Boden und fängt an, darin zu kramen. Ich starre ihn an. Können wir vielleicht bitte weitergehen und hier nicht unnötig lange im Kugelhagel herumtrödeln? Was zur Hölle sucht der Mann? Die entervte Antwort: seine Trillerpfeife, mit der er die Schießwütigen auf unsere Anwesenheit aufmerksam machen will. Ich drehe mich um, pfeife schrill auf zwei Fingern und brülle „Hey! Hört auf zu schießen, hier gehen Leute!“ Höre Männerstimmen. Wir drücken uns an einer Häuserwand entlang und hoffen, dass sie nicht um die Ecke schießen können. Dann sehen wir einen älteren Herrn mit dem Rücken an einen silberfarbenen Pickup gelehnt, der hinter Stacheldrahtzaun auf einem Grundstück steht. Ein anderer Mann ähnlichen Baujahrs bückt sich in etwa zehn Metern Entfernung und richtet einen großen Olivenöl-Kanister mit Einschusslöchern wieder auf: Die beiden alten Knacker haben offenbar Schießübungen gemacht. Noch nie was von Querschlägern gehört?? Das „Yassas“ will mir nicht ganz so freundlich über die Lippen, und als wir endlich auf dem Marktplatz von Vytina stehen, spendieren wir uns auf die Nahtoderfahrung erstmal einen doppelten Cappuccino. Kaufen im örtlichen Minimarkt ein paar Oliven, Gemüse und Feta ein und beziehen unser Quartier. Die Hotelbesitzerin führt uns in unser Zimmer (natürlich über zahllose Stufen. Seufz) und erzählt, dass sie normalerweise von Oktober bis Mai ausgebucht ist. Heute sind wir mit Ausnahme eines weiteren belegten Zimmers die einzigen Gäste, geöffnet hat sie das Hotel ohnehin nur, weil sie selbst ihre Wohnung in dem Gebäude hat.

Corona trifft die Tourismusbranche auch im Winter: Hierher in die Berge kommen die Griechen sonst zum Skifahren. Für unsere Wanderung haben wir die bisherigen Unterkünfte auch eher mit Herumtelefonieren oder über jemanden, der jemanden kannte, bekommen: Während Airbnb in den größeren Orten an der Küste bis jetzt nie ein Problem war, haben die wenigen Unterkünfte hier im Landesinneren wegen Corona fast alle geschlossen. Und genau das macht uns auch am Abend in Vytina einen Strich durch die weitere Planung und setzt unserer Wanderung ein jähes Ende: Eigentlich wollten wir morgen wieder zwei kurze Etappen zusammenfassen und in Magouliana übernachten – aber die beiden Unterkünfte, die dort existieren, haben geschlossen. Gerade noch hatte ich mich in die Recherche gestürzt, um auch für die letzten drei Etappenziele Unterkünfte zu finden und den Menalon-Trail, der uns bisher so begeistert hat, ganz bis zum Ende zu gehen. Jetzt landen wir unsanft auf dem Boden der Corona-Tatsachen: Es ist verdammtes Glück, dass wir überhaupt so weit gekommen sind!

Am nächsten Morgen beschließen wir also, nur noch die etwa zwei Stunden kurze Etappe nach Nymphasia zu wandern und von dort über einen noch kürzeren Wanderweg wieder zurück nach Vytina. Der nette Mann aus dem Café, mit dem wir am Morgen ein Schwätzchen gehalten haben, ruft uns ein Taxi, das uns nach Elati bringt: Hier hatten wir vor Beginn der Wanderung unsere Mountainbikes untergestellt, damit wir uns die 25 Kilometer von da zurück bis zu unserem Bus in Stemnitsa selber befördern können. Alles läuft wie am Schnürchen und wir sitzen abfahrbereit auf den Rädern – aber als Nico in die Pedale treten will, ist nur ein unschönes Schleifen zu hören. Das Hinterrad blockiert. Fluchend steigt Nico wieder ab und begibt sich auf Ursachenforschung. Prüft die Bremse. Den Antrieb, die Kurbel. Nimmt unter den neugierigen Blicken zweier Dorfhunde (sehr nette Hunde! Bellen nicht und gucken liebenswürdig aus Augen, die nicht vor Zorn lodern) die ganze Schaltung auseinander und tauscht sogar das Schaltauge, das leicht verbogen aussieht. Hilft alles nix, das Hinterrad blockiert weiter.

Eineinhalb Stunden später rufe ich ein Taxi: Selbst wenn das Rad in dieser Sekunde wieder fahrbereit wäre, würden wir es nur mit Glück vor Anbruch der Dunkelheit bis nach Stemnitsa schaffen. Nach einer halben Stunde kommt das Taxi, in dem Nico in den Sonnenuntergang entschwindet, während ich mich vor der heraufziehenden Kälte in einen Unterstand flüchte, bis er nach einer Stunde mit unserem Bus zurückkehrt. Zum Glück hatten wir am zweiten Tag der Wanderung einen coolen Platz in den Bergen nahe Dimitsana als möglichen Übernachtungsort auf der Karte markiert. Als wir dort im Dunklen ankommen, steigt gerade der Vollmond hinter dem baumbestandenen Bergrücken auf. Wir finden noch etwas Brot, ein Glas Oliven, ein paar Eier und eine angebrochene Flasche Rotwein in unseren Vorräten, dann kriechen wir totmüde in unsere Schlafsäcke.

Stundenlang haben wir dann gestern hin und her überlegt, wie wir die letzten drei Etappen auch ohne Unterkünfte gehen können. Wie haben ein Auto, wir haben zwei Fahrräder, das muss doch machbar sein (auch mit Blick auf zukünftige Mehrtagestouren: Jede Nacht eine Unterkunft zu buchen, geht ganz schön aufs Budget). Tüfteln ein System aus, mit dem wir mit den Rädern zum Startpunkt der Tagesetappe fahren, dann zum Bus zurück wandern und damit nach der Tour die Räder wieder einsammeln. Planen die einzelnen Tracks auf der Karte. Könnte klappen – ist aber natürlich nochmal anstrengender, da zur Wanderung jeden Tag eine Mountainbike-Tour mit meist ordentlich Höhenmetern dazukommt. Wir sind von den vier Tagen ganz schön k.o. – und beschließen daher, die letzten drei Etappen ein andermal zu gehen. Denn dieser Trail hat uns gepackt: Er birgt zwar keine alpinen technischen Herausforderungen, ist aber trotzdem anspruchsvoll  – und vor allem unglaublich reizvoll und abwechslungsreich. Die Landschaften Griechenlands bringen mich auch nach vier Monaten noch zum Schwärmen, dieses Land ist wirklich gesegnet mit Natur. Was mache ich bloß, wenn wir endlich an meinen Sehnsuchts-Orten ankommen, für die wir eigentlich zu dieser großen Reise aufgebrochen sind: Yosemite, die Canyonlands, Banff, Jasper, die Anden, die Atacama-Wüste, Patagonien? Wahrscheinlich gehen mir einfach irgendwann die Adjektive aus, mit denen ich die Wunder dieser Welt angemessen beschreiben könnte.

Ein Kommentar

  1. Und wieder meine große Bewunderung wie hervorragend Euer Wanderung durchs gebirgige Gebiet verläuft. Wunderschöne Naturaufnahmen und super beschrieben. Ich fühle mich mitgenommen auf dieser Reise durchs Landesinnere. Ich wünsche Euch weiterhin so schöne Wanderungen LG Monika

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