Planspiele

Wir leben wie in einer Zeitkapsel, seit wir in Madrid angekommen sind. Ein paar Tage noch sind wir nach der gemeinsamen Woche mit unseren Freunden durch Andalusien gefahren, waren in den Bergen bei El Bosque und haben uns durch die Gassen von Sevilla treiben lassen, dann zieht es uns Richtung Madrid. Das Wetter wird ungemütlicher, unsere Köpfe füllen sich mit Fahrzeug-Anzeigen und Ausbau-Ideen – Reisen macht unter diesen Umständen nur noch wenig Sinn für uns. Wir brauchen einen Ort, an dem wir in Ruhe nachdenken können, und den finden wir in Madrid. Meine Tante Monika lebt hier seit Jahrzehnten, im Moment ist sie in Deutschland. „Macht es Euch gemütlich in meiner Wohnung und bleibt, so lange Ihr wollt“, sagt sie. Was für ein Segen! Genau das, was wir gerade brauchen. Einen warmen, trockenen und stillen Ort, an dem wir uns dem Sturm an neuen Herausforderungen zu stellen, der durch die Entscheidung, ein größeres Fahrzeug zu kaufen und auszubauen, über uns hereinbricht. Das Schicksal hat es mal wieder gut mit uns gemeint. Sieben Stockwerke über Spaniens Hauptstadt beginnen wir mit dem großen Pläneschmieden.

Bereits unterwegs hatten wir einige Mercedes-Transporter mit Neunziger-Baujahren in die engere Wahl genommen, die Verkäufer kontaktiert und mit Fragen gelöchert,  Besichtigungstermine vereinbart und die Reise nach Deutschland organisiert – der Ball rollt also, beste Voraussetzungen für hemmungslose Ausbau-Fantasien! Wir listen auf, was wir an Mr. Norris‘ Ausbau gut finden und was wir anders machen würden. Finden bei Vanilla Icedream, einer jungen Architektin, die seit Jahren auf Reisen ist und schon diverse Fahrzeuge ausgebaut hat, einen Grundriss, der uns gut gefällt. Wir schreiben endlose Materialisten, recherchieren Bezugsquellen und Preise, suchen bei YouTube Lösungen für kniffelige Aufgaben wie den Bettbau. Gott segne das Internet: Kein Problem, für das nicht irgendjemand schon mal über eine Lösung nachgedacht und ein Video dazu gedreht hat!

Unter uns liegt Madrid und lockt mit goldenem Herbstwetter, Parks, Museen, Kinos und Bodegas. Wir sitzen oben in Monikas Wohnung und ignorieren alle Lockrufe. Arbeiten, recherchieren, skizzieren Pläne und verwerfen sie wieder. Einkaufen, essen, schlafen, weiter brainstormen. Nach zehn Tagen bin ich voll und leer zugleich: Wenn der Kopf immer um die eine Sache kreist und versucht, ein so komplexes Projekt wie einen Fahrzeugausbau im Blick zu behalten, ist das – trotz aller Listen und Skizzen – kräftezehrend. Als wir Mr. Norris ausgebaut haben, hatten wir drei Jahre Zeit und sind gemütlich eine Sache nach der nächsten angegangen. Jetzt haben wir drei MONATE Zeit- und noch nicht mal einen Ort, an dem wir ausbauen könnten. Deutschland zwischen Januar und April ist auch nicht gerade… sagen wir… einladend für ein solches Projekt: Bei einstelligen Temperaturen werden die Finger schnell zu steif für handwerkliche Aufgaben und für eine beheizte Halle  – vorausgesetzt man findet eine – liegen die Quadratmeterpreise nur unwesentlich unter denen für eine Wohnung in der Kölner Südstadt… egal erstmal, darum kümmern wir uns, wenn wir ein passendes Fahrzeug gefunden haben.

Unser Favorit ist lange Zeit ein Mercedes T1, auch bekannt unter dem Namen „Bremer“. Der sieht von der Form aus wie Mr. Norris in groß und lief im selben Jahr vom Band (1994), steht in Mainz und stammt aus Feuerwehrbeständen. Ist top gepflegt mit lückenlosem Scheckheft (kein Feuerwehrmann will schließlich auf dem Weg zum Einsatz liegen bleiben, weil der Keilriiemen plötzlich reißt oder der letzte Ölwechsel so lange her ist, dass der Motor auf einmal streikt) und hat nur 45.000 KM auf dem Tacho – wir sind (Achtung: Wortwitz) sofort Feuer und Flamme. Telefonieren mehrmals mit dem Verkäufer, machen bei der zuständigen Kfz-Zulassungsbehörde einen Termin für ein Kurzzeitkennzeichen, um den Bus probefahren und hoffentlich auch direkt überführen zu können. Suchen und finden eine Werkstatt, die einen Gebrauchtwagencheck für uns machen würde. Befassen uns eher der Form halber auch noch mit anderen Fahrzeugen, um uns nicht zu sehr auf das Feuerwehrauto zu versteifen. Zum Glück, wie sich herausstellt: Zwei Tage vor dem Abflug nach Deutschland informiert uns der Verkäufer des „Bremers“, dass er das Fahrzeug soeben verkauft hat. Pech. Aber vielleicht auch nicht, denn im Grunde war der Bus viel zu teuer dafür, dass er noch nichtmal gedämmt war, wir hatten uns also ohnehin auf harte Preisverhandlungen eingestellt.

Jetzt sitzen wir mit müden Augen in der Sieben-Uhr-Maschine nach Frankfurt. Der Himmel über Madrid färbt sich vorsichtig rosa, ein neuer goldener Herbstmorgen zieht auf. Statt nach Mainz zum Feuerwehrauto geht es für uns nach der Landung nach Freiburg,  wo wir morgen unser erstes Fahrzeug anschauen. Vier Tage haben wir in Deutschland, um unseren neuen Bus zu finden – die Uhr läuft.

3 Kommentare

  1. Hallo ihr beiden,

    ich weiß nicht ob ihr euch noch an uns erinnert – wir haben uns 2019 auf einem Campingplatz in Montenegro getroffen. Wir waren das deutsche Päarchen das sich damals euren Camperausbau angeschaut hat 🙂

    Wenn ich mich richtig erinnere war Albanien+Montenegro eine eurer ersten Touren mit dem Camper und auch euer Blog war damals noch relativ neu. ich hatte mir die Webseite notiert und gerade eben bin ich zufällig wieder darauf gestoßen.

    Bei euch ist ja echt einiges passiert! Das klingt toll was ihr plant! Wir sind schwer beeindruckt 🙂 In letzter Zeit denken wir immer häufiger selbst über einen Ausbau nach und schauen uns gute Beispiele an. Daher freuen wir uns umso mehr auf eure Updates! Wir schauen ab jetzt regelmäßig rein.

    Viel Erfolg!
    Marlis & Yannik

    1. Hallo Marlis,
      na klar erinnern wir uns! Eure krasse Geschichte mit der Flut in Südamerika hat sich nachhaltig in unsere Köpfe eingegraben 🙂 Außerdem war es ein sehr netter Abend mit euch, sowas vergisst man nicht so schnell. Wie schön, von euch zu hören – und cool, dass auch ihr Lust habt, euch einen Camper auszubauen. Wir lieben diese unabhängige Art zu reisen sehr, flexibler kann man glaube ich kaum sein. Würde mich freuen, wenn wir in Kontakt bleiben. Und deine Nachricht erinnert mich daran, dass ich auch mal wieder auf euren Blog schauen kann 🙂
      Viele Grüße und gutes Gelingen bei allem, was ihr euch vornehmt.
      Brit & Nico

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