Sein Name ist Bond. James Bond.

„Ein Ticket nach Gutach bitte.“ Der Busfahrer schaut mit einem leicht erstaunten Blick zu mir hoch und ein kleines Schmunzeln schleicht sich in seine Mundwinkel. Ich lächle zurück: „Warum schmunzeln Sie?“ Er grinst. „Da will sonst nie einer hin.“ Ich pruste los und drehe mich zu Nico um, der hinter mir in der Bustür steht und darauf wartet, dass wir zwei Tickets für die Fahrt lösen können. „Na, wenn das mal kein schlechtes Zeichen ist!“ Kichernd suchen wir uns einen Platz im Bus – keine Sekunde glauben wir an ein schlechtes Zeichen, denn bis hierher ist der Tag gelaufen wie am Schnürchen! Am Morgen sind wir vor lauter Aufregung so früh aufgewacht in unserem Hotel in Freiburg, dass wir nicht nur genug Zeit für ein ausgedehntes Frühstück hatten, sondern auch, um danach noch mal alle Unterlagen zu studieren, die uns der Verkäufer des Mercedes Sprinter, Baujahr 1996, zur Verfügung gestellt hat. Der Mann hat offenbar keine Geheimnisse: Per Mail hatte er uns bereits letzte Woche Kopien von Fahrzeugbrief, Fahrzeugschein, letzter HU sowie dem gesamten Scheckheft des Fahrzeugs zugeschickt. Er selber hat den Sprinter – das erste Modell der Transporter-Legende, mit der Mercedes in den Neunzigern neue Maßstäbe in dieser Fahrzeugklasse setzte – acht Wochen zuvor von der Polizei des Landes Baden-Württemberg übernommen. Behördenfahrzeug, scheckheftgepflegt, rostfrei, nur 48.000 Km gelaufen und mit einem unverwüstlichen Fünf-Zylinder-Motor, der Kenner bis heute zum Schwärmen bringt. Der feuchte Traum jedes Gebrauchtwagenkäufers. Die Polizei hatte den Bus als Spionagefahrzeug im Einsatz, anders als ehemalige Feuerwehrwagen dürfte er daher nie „kalt auf den Kopp‘ gekriegt haben“, wie mein Alte-Autos-Profi-Schwager das so schön nennt. Vor unserem geistigen Auge stand er stattdessen nächtelang auf feuchtem Asphalt unter einer Laterne am Straßenrand, umweht von Nebelschwaden, in seinem Innern kaffeetrinkende Kommissare vor Monitoren und Abhöranlagen, die die Geschehnisse im Haus gegenüber observieren.

Auf dem Bett im Hotelzimmer sitzend studieren wir die Papier. Und stellen schnell fest, dass diverse Annahmen, die der Verkäufer in seiner Anzeige über das Fahrzeug getroffen hat, so nicht stimmen. Kurze Panik bei uns, warum haben wir uns die nicht vorher gründlich angeschaut? Dann Entspannung: Keine der Erkenntnisse spricht gegen einen Kauf des Fahrzeugs – alle aber stärken unsere Verhandlungsposition. Der Sprinter ist kein 312 d, sondern ein 212 d – hat also ein zulässiges Gesamtgewicht von nur 2,8 Tonnen anstatt von 3,5. Für uns nicht so relevant, wir sind gern leicht unterwegs. Auch ist das Fahrzug 1996 nicht als Wohnmobil mit „James Cook“-Ausstattung (sehr gesucht in der Szene!) vom Band gerollt, das von der Polizei zurückgerüstet wurde, sondern als Transporter, der nachträglich ein Hochdach bekommen hat und vom TÜV in den Papieren zum „Sonderfahrzeug Wohnmobil“ umgewidmet wurde. Auch das für uns kein Problem, denn wir haben gar nicht vor, den Bus mit dem Originalmobiliar in ein Wohnmobil zurück zu verwandeln, das sich „plug und play im Internet kaufen lässt“, wie der Verkäufer in seiner Anzeige verspricht. Wir wollen selber ausbauen! Mit dem Gefühl, gut vorbereitet zu sein, stapfen wir durch die eiskalte Morgenluft zum Bahnhof und steigen in die Bummelbahn nach Emmendingen. Dort befindet sich die zuständige Kfz-Zulassungsstelle, bei der wir noch von Madrid aus online einen Termin vereinbart haben. Eine Dreiviertelstunde später stehen wir mit Kurzzeitkennzeichen unter dem Arm wieder am Bahnhof – und steigen in den Bus nach Gutach, da, wo sonst nie einer hin will.

Weitere drei Stunden später wissen wir zwei Dinge: Erstens: Der Verkäufer ist super hilfsbereit, super transparent und super seriös – kennt aber sein eigenes Fahrzeug nicht und hat auch keinerlei emotionale Bindung daran. Und Zweitens: Der Bus ist in genau dem guten Zustand, auf den wir gehofft hatten – aber die 16.000 Euro, die der Verkäufer als Verhandlungsbasis aufruft, ist er dennoch nicht wert. Nach mehreren L300s, die wir in den vergangenen sechs Monaten auf Herz und Nieren geprüft haben, sind Nico und ich ein eingespieltes Team: Nico checkt den Motorraum, die Elektronik und die Fahrzeugunterseite, ich nehme die Karosserie und den Innenraum unter die Lupe und suche nach Rost, porösen Gummidichtungen, Bohrlöchern u.ä. „Sie wissen schon, dass das kein 312 d ist?“, frage ich beiläufig. Der Verkäufer guckt irritiert und sein Blick wandert zum Kühlergrill, auf dem unübersehbar das Typenschild „212 d“ prangt. Ups. Der Bus ist ungedämmt, „hatte ich mir fast gedacht, ist ja auch ursprünglich kein Wohnmobil gewesen“, gebe ich neunmalklug mein gerade erst erworbenes Wissen zum Besten. Erneute Irritation beim Verkäufer, auch das war ihm nicht klar (er hat die Papiere offenbar genauso gründlich studiert wie wir bis heute Morgen…) „Ihr habt Euch verdammt gut vorbereitet“, meint er. Bämm! Genau den Eindruck wollten wir erwecken, maximale Souveränität trotz maximaler Ahnungslosigkeit (denn mal im Ernst: Ja, wir haben inzwischen in mehr als einen Motorraum eines alten Autos geschaut. Und wir wissen ungefähr, wo wir hingucken müssen, um grobe Macken zu erkennen. Aber von echter Kompetenz sind wir meilenweit entfernt). Die Schiebetür klemmt, der Blinker blinkt nur, wenn er Lust hat und in die Karosserie sind innen jede Menge kleine Löcher gebohrt, mit denen die Polizei offenbar ihre Spionageausrüstung im Fahrzeug fixiert hat. Das zusammen mit der Tatsache, dass dieser Bus trotz anderslautendem Eintrag im Fahrzeugschein de facto kein Wohnmobil ist, verwenden wir als Argumente in der Preisverhandlung. Denn haben wollen wir den Bus – aber nicht um jeden Preis.

Wir haben uns vor der Besichtigung geschworen, dass wir uns wie Odysseus an den Mast binden werden, wenn die Sirenen zu singen beginnen: Egal, wie verlockend wir dieses Auto finden sollten, wir haben eine finanzielle Schmerzgrenze definiert, die wir nicht überschreiten dürfen, wenn wir noch genug Kohle für den Ausbau sowie für die eigentliche Reise übrig behalten wollen. „12.000“ sage ich, und weil der Verkäufer so offensichtlich keinerlei Absichten hat, uns über den Tisch zu ziehen oder uns etwas zu verheimlichen, mache ich klar: „Das soll nicht unverschämt sein, wir haben ja Ihre Preisvorstellung gesehen. Aber wir orientieren uns an dem, was sich in diesem Bereich sonst noch so auf dem Markt befindet derzeit – und da bekommen wir für den Preis, den Sie aufrufen, fertig ausgebaute Fahrzeuge in ähnlich gutem Zustand.“ Ist nicht gelogen – nur, dass diese Fahrzeuge in Ost-Bayern, Mecklenburg und Österreich stehen und es einen Riesen-Aufriss für uns bedeuten würde, die auch noch zu besichtigen, um dann im schlimmsten Fall keines so gut zu finden wie den Sprinter und am Ende doch wieder nach Gutach zurück zu müssen. „13.000“ sagt der Verkäufer. „Der Bus ist ja nicht mal gedämmt, um ihn als Wohnmobil nutzen zu können, müssen wir bei der nackten Katosserie anfangen“, erwidere ich. „Okay, 12.000. Aber darunter gehe ich nicht.“. Hui. Das bedeutet zwei Dinge: Erstens: Der Verkäufer hat vermutlich selber nur 10.000 für das Auto bezahlt. Und Zweitens: Wir können uns weitere Besichtigungen auf unserer kurzen Deutschlandtour sparen (und damit Zeit, Geld und Energie) – wir haben unser neues Zuhause gefunden!

Wir fahren mit dem Sprinter zur Dekra nach Freiburg, um auch noch mal einen Fachmann über das Fahrzeug schauen zu lassen, bevor wir den Kaufvertrag unterschreiben. Der Fachmann ist eine Fachfrau und gibt den Daumen hoch: Sieht alles gut aus. „Da macht Ihr nichts falsch“, meint auch der Mechaniker aus der Nachbarwerkstatt, den sie bezüglich der klemmenden Tür hinzugezogen hat. Wir tuckern zum Hotel (der Verkäufer hat uns das Auto ohne mit der Wimper zu zucken für die Nacht überlassen, obwohl wir den Vertrag noch gar nicht unterschrieben haben. Nicht mal den Fahrzeugbrief hat er aus dem Handschuhfach genommen – mein Glaube an das Gute im Menschen erlebt eine Sternstunde) und Nico kurbelt den Bus in einer Nebenstraße in eine Parklücke – als ein schlagendes Geräusch erklingt und das Fahrzeug zu vibrieren beginnt als würde man im ersten Gang den Fuß von der Kupplung nehmen und den Motor damit abwürgen. Nico kurbelt und lauscht und kurbelt und lauscht: Immer, wenn er die Servolenkung im Leerlauf einschlägt, erklingt das Geräusch. Verstört rufen wir den Schwager an und halten das Telefon an das Geräusch: Was kann das sein? Nach einer halbstündigen, erfolglosen Ferndiagnose beschließen wir, am nächsten Morgen in eine Mercedes-Nutzfahrzeugwerkstatt zu fahren und dort das Worst Case-Szenario (inkl. der damit möglicherweise verbundenen Kosten) einschätzen zu lassen. Feierabendbier an der Hotelbar, zu mehr sind wir nicht mehr imstande.

Als wir uns am nächsten Morgen mit dem Verkäufer auf dem noch leeren Parkplatz eines Möbelhauses in Freiburg treffen, um den Vertrag zu unterschreiben, wabert dichter Nebel über die riesige Parkfläche. Genau die richtige Atmosphäre für die Übergabe eines Spionagefahrzeugs! Der Mercedes-Mechaniker, der sich morgens um 7.30 Uhr im eisigen Frühdunst über unseren Motor gebeugt hat, hatte keine Bedenken, mit dem Bus die 650 Kilometer nach Wolfsburg zu meiner Schwester Ann und ihrer Familie zu fahren, die heute noch vor uns liegen. Die Geräusche, die uns gestern Abend so irritiert haben, könnten eventuell vom Lenkgetriebe kommen – ich informiere den Verkäufer des Sprinters über mögliche Reparaturkosten und schlage vor, das Risiko mit einzupreisen, wir einigen uns auf 11.500 Euro. Zehn Minuten später gehört der Bus uns. Mit jedem Kilometer, den wir in den nächsten Stunden mit für uns ungewohnten 122 PS und 120 Stundenkilometern über die Autobahn gleiten, werde ich aufgeregter: Dies wird das Fahrzeug, mit dem wir um die Welt reisen! Die Gedanken an Mr. Norris schiebe ich erstmal beiseite, der Abschied wird noch hart genug. Jetzt will ich mich an Zukunftsträumen freuen! An dem vielen Platz, den wir bald haben werden! An den tausend Ideen, die uns schon zum Ausbau durch den Kopf spuken! An der Herausforderung, ein Fahrzeug im Winter auszubauen (wieder mal ein kleines Zupfen an der Komfortzone) und dem Wissen, dass wir zumindest einen Teil des Ausbaus bei Ann und Klaus auf dem Hof machen dürfen – und ich so unverhofft viel Zeit und Alltag mit meiner Schwester und ihrer Familie verbringen kann!

Wie Adrenalin rauschen die Bilder von der Zukunft durch mein Blut. Dass der Rückflug von Frankfurt nach Madrid gestrichen wird, obwohl bereits zum Boarding aufgerufen wurde, weil der Pilot von der Flugzeugtreppe gestürzt ist und sich am Kopf verletzt hat, nehmen wir kaum wahr – wir recherchieren Ausbaumaterialien. Dass wir zweieinhalb Stunden am Gate warten müssen, bis die Airline alle gestrandeten Passagiere auf Flüge für den nächsten Tag umgebucht und Hotelzimmer organisiert hat, kriegen wir kaum mit – wir planen die Küche. Dass wir am nächsten Morgen erneut drei Stunden am Frankfurter Flughafen warten müssen, bis wir endlich nach Madrid abheben, geht völlig an uns vorbei – wir berechnen die neue Solaranlage. Dann betreten wir erneut die Zeitkapsel der Wohnung meiner Tante hoch über Madrid und planen in diesem schönen, hellen, stillen Raum weiter. Planen, planen, planen. Was für ein Tag ist heute? Ich weiß es nicht. Die Zeit im Außen steht still, die Zeit im Innern steht auf Zukunft.

Ach ja, ebenso wenig überraschend wie originell: Der Bus heißt Bond. James Bond. Wie soll man ein ehemaliges Spionagefahrzeug auch sonst nennen?

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