Die Kunst der Auslassung

Spanien verabschiedet uns mit Dauerregen. Wir stehen mit unserem Bus im Hafen von Barcelona und warten auf die Fähre nach Genua, Pfützen schwimmen auf dem rissigen Asphalt, der Wind bläht die neongelben Sicherheitswesten der Hafenarbeiter auf wie Ballons. Vorgestern in Valencia war der Himmel nur wolkenverhangen, gestern in Barcelona hat es so geschüttet und gestürmt, dass wir unseren Stadtspaziergang frustriert abbrechen und uns in unser Hostel-Zimmer zurückziehen. Mehr, als einen Blick auf die Sagrada Familie zu werfen, schaffen wir nicht, dann tut sich der Himmel auf und spült unsere Pläne, Altstadt und Strand von Barcelona zu besuchen, den Rinnstein hinab. Ich bin genervt, haben wir doch ohnehin schon kaum was von Spanien gesehen, da wir die meiste Zeit mit dem Kopf im Busausbau gesteckt haben und da kein Platz übrig war für Entdeckungstouren oder Reiseimpressionen. Die letzten Tage in Valencia und Barcelona sollten in meiner Vorstellung so eine Art Wiedergutmachung für die Wochen davor sein, in denen wir uns in der Wohnung in Madrid verschanzt und die Schätze Spaniens schmählich ignoriert haben. Mein effizienzgetriebenes Seelchen hält es nach wie vor schwer aus, Zeit an einem fremden Ort NICHT damit zu verbringen, diesen Ort zu entdecken. Ein Impuls, der sich möglicherweise nur schwer mit einer Langzeitreise verbinden lässt, schließlich kann man nicht tagein tagaus Orte erkunden, sondern man hat auch einen Alltag, braucht Pause von neuen Eindrücken, Zeit, die bisherigen erstmal sacken zu lassen. Den Rhythmus für diese Art zu reisen habe ich bisher nicht gefunden (Nico hat damit weniger Probleme, wenn er die Beine hochlegen will, legt er die Beine hoch, egal, wie verlockend und besonders der Ort, an dem wir gerade sind. Ein schlechtes Gewissen deswegen kennt er nicht, Angst, etwas zu verpassen, auch nicht. Manchmal beneide ich ihn…).

Unser Freund Florian, den wir in Valencia besuchen, hat seine eigene Antwort auf die Verbindung von Reisen und Rasten gefunden: Statt ständig im Roadtrip-Modus unterwegs zu sein, quartiert er sich gern für mehrere Wochen oder Monate an einem Ort ein, um ihn in Ruhe zu erkunden, Kontakte zu knüpfen – oder auch eben einfach mal ein paar Tage lang NICHTS zu machen. Und auf diese Weise eine Art Alltag in der Fremde zu entwickeln. Unser Glück: Keine 24 Stunden Zeit haben wir für Valencia, aber wir müssen uns einfach nur in sein Fahrwasser hängen und bekommen die Essenz der Stadt handverlesen und auf dem Silbertablett serviert. Von der Altstadt aus spazieren wir den mehrere Kilometer langen „Turia“, ein trocken gelegtes Flussbett, hinaus zur Ciudad de las Artes y las Ciencias, einem der Kunst und der Wissenschaft gewidmeten Areal, in dem Architektur-Genie Santiago Calatrava sämtliche Gebäude entworfen hat. Ich kenne mich mit Architektur nicht aus, aber Calatravas Baustil, die grazilen futuristischen Bögen und Flügel, die luftigen, geschwungenen Konstruktionen in Weiß, die an Gerippe oder zartes Blattwerk erinnern, erkenne ich überall. Habe mich schon in Lüttich am Bahnhof Liège-Guillemins daran erfreut, auf der Kronprinzenbrücke in Berlin, am Telegrafenturm auf dem Hausberg von Barcelona und in Lissabon am Bahnhof auf dem Expo-Gelände. Als wir in Valencia auf dem Areal ankommen, ist es bereits dunkel, Lichter und geschickt platzierte Wasserbassins lassen die Ciudad de las Artes noch magischer wirken. Fasziniert streifen wir über das Gelände, bis uns irgendwann der Hunger zurück Richtung Altstadt treibt. Im Ausgehviertel Ruzafa sitzen wir bis tief in die Nacht draußen, essen, trinken und quatschen. Im November. Draußen. Einer der Aspekte, der Reisen für mich so attraktiv macht: dem deutschen Wetter entfliehen.

Dass es auch in Spanien keine Garantie für milde Temperaturen im Spätherbst gibt, war uns natürlich klar – trotzdem nehme ich Wind und Regen in Barcelona persönlich. Durchkreuzen sie doch meine abstrusen Pläne, mir durch schnelle Stadtbesichtigungen kurz vor der Rückreise ein gutes Gewissen zu erkaufen und nicht mit dem Gefühl heimreisen zu müssen, meine Zeit unterwegs nicht gut genug genutzt zu haben. Klingt schräg? Ich weiß, IST schräg. Und mir auf rationaler Ebene auch völlig klar. Aber die Kunst der Auslassung ist die meine nicht, ich denken in guter calvinistischen Manier, dass ich das Geld für Diesel und Miete, das ich investiert habe, um an einen Ort zu kommen, schließlich auch rechtfertigen muss, indem ich Dinge tue, die ich nur an diesem Ort tun kann (ihn besichtigen zum Beispiel) und nicht Dinge, die ich genauso gut auch an jedem anderen Ort tun könnte (einen Busausbau planen zum Beispiel). Gibt es da draußen irgendjemanden, der diesen kruden Anspruch, den irgendein Teil meines Unterbewussten da offenbar an mich formuliert, nachvollziehen kann? Mein erster guter Vorsatz für das neue Jahr: von Nico und Florian lernen, bevor ich mir das Reisen mit solchen behämmerten Selbstansprüchen vermiese.

4 Kommentare

  1. Nachvollziehbar. Hatte aber selbst noch nie darüber nachgedacht. Aber jetzt wenn ich es hier lese, waren wir durch selbige Gedanken getrieben. Ok, wir hatten ja auch „nur“ ein Jahr. Da kann man schonmal ohne schlechtes Gewissen eine Kosten-Nutzen-Diesel-Miet-Berechnung anstellen. 😉

    1. Absolut! Ein Jahr will gut genutzt sein 😉 trotzdem ist eine längere Reise ohne Auszeiten zwischendurch eigentlich eine Überforderung, keine Ahnung, warum ich mich immer so schwer tue mit „Untätigkeit“…

    1. Nicht meine starke Seite – aber wir sind ja unter anderem auch deswegen auf Reisen, um zu lernen. Und Gelassenheit ist definitiv etwas, was zu lernen ich sehr erstrebenswert finde. Zum Glück habe ich ein gutes Vorbild an meiner Seite 🙂

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