Kalte Finger, warmes Herz

Lange her, dass ich eine Vorweihnachtszeit so genossen habe wie diese. Dabei bin ich ein bekennender Weihnachtsfan, kein „Joy to the World“ ist mir zu bombastisch instrumentiert, kein Weihnachtsfilm zu kitschig. In den letzten Jahren jedoch war die Adventszeit beruflich für mich stets Crunch Time, da ein wichtiges Projekt, für das ich verantwortlich war, im Dezember über die Bühne ging. Irgendwann habe ich aufgehört, mir einen Adventskranz auf den Tisch zu stellen, und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ habe ich auch seit Jahren nicht gesehen – keine Zeit, keine innere Ruhe dafür. Letztes Jahr in Griechenland hatten Nico und ich eine wunderbar ruhige Vorweihnachtszeit mit Kamin, künstlichem Tannenbaum und orthodoxem Weihnachtsmann aus Vollplastik – aber mal ganz ehrlich: Was ist diese Zeit des Jahres ohne Freunde und Familie? Mein weihnachtsmuffeliger Ehemann hat sich zwar tapfer mit mir durch diverse Doppelalben voller Chöre, Glöckchen und Harfen gequält und mir für den Konsum von Weihnachtsfilmen die Couch sowie seine Noise Cancelling-Kopfhörer überlassen. Aber ich habe meine Menschen in Deutschland trotzdem vermisst. Habe ich alles in diesem Jahr wieder wett gemacht: Pünktlich zum 1. Advent bugsieren wir Mr. Norris vom Fährhafen in Genua über die Alpen – inklusive erstem Schnee, was mich zu dem Zeitpunkt aber eher in Panik als in Entzücken versetzt, da er uns auf einer schmalen Bergstraße in Ligurien ereilte und ich uns schon auf Glatteis in die Tiefe schlittern sehe. Dank High-End-Allwetterreifen und souveränem, Winter-im-Bergischen-Land-erprobten Steuermann kommen wir aber unbeschadet aus der Todeszone heraus und legen den Rest der Strecke bis nach München im Dauerregen zurück. Der sich dann am 1. Advent tatsächlich erneut in Schnee verwandelt: Kann man die Vorweihnachtszeit passender begrüßen als mit Ehemann, Bruder und Patenkind bei -2 Grad und tanzenden Schneeflocken auf einem lichtergeschmückten Balkon, während drinnen die Pentatonix singen? Okay, Ehemann, Bruder und Patenkind verbindet eine natürliche Immunität gegen Weihnachtskitsch – aber was soll‘s, ich besteche das Kind mit Keksen und die Männer mit Glühwein, wer stellt da noch Fragen?

Von München reisen wir zum 2. Advent weiter nach Köln: Mehr Lichterglanz (Linda kocht zur Begrüßung nicht nur Pasta, sondern illuminiert ihre gesamte Wohnung mit Kerzen und Teelichtern – mein Warmweiß-Sensor meldet höchste Begeisterungsstufe) und mehr Plätzchen (mit fünf Mädels hüllen wir Tarias Küche in Mehlstaub und Zimtduft, singen aus vollem Hals die komplette Weihnachtspop-Playlist mit und trinken zur Erhaltung der Geschmeidigkeit der Stimmbänder dabei das eine oder andere Glas Sekt). Zwischendrin beschenken Nico und ich uns noch mit einer spontanen Booster-Impfung, selbst die zweieinhalb Stunden Schlangestehen dafür fühlen sich bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt irgendwie festlich an. Dann geht es zu meiner Schwester nach Wolfsburg, wo Commander Bond schon geduldig im norddeutschen Eisnebel auf uns wartet: Wir werfen uns in warme Arbeitshosen und alte Daunenjacken und beginnen mit dem Ausbau. Erstmal muss die alte Innenverkleidung raus: Mit kalten Fingern reißen wir an Sperrholz und Filz und finden dahinter halbherzige Isolierversuche mit Glaswolle – Teufelszeug, das unsere Haut selbst durch Handschuhe und lange Ärmel zum Jucken bringt. Als das Thermometer für eineinhalb Tage zweistellige Werte anzeigt, nutzen wir die Gunst der milden Stunde und beginnen mit dem Dämmen: Das Armaflex, das wir dafür verwenden, ist mit einer selbstklebenden Schicht überzogen, die nicht vernünftig haftet, wenn es im Bus zu kalt ist. Als der Boden gedämmt und mit einer Bodenplatte versehen ist, bringen wir Bond zum Hohlraumversiegeln – schließlich soll sich am nahezu rostfreien Zustand unseres Schätzchens auch in den nächsten Jahren möglichst nichts ändern.

Damit haben wir unsere Pflichten für dieses Jahr erledigt – den Rest der Zeit in Wolfsburg verbringe ich zusammen mit meiner Schwester abwechselnd vor dem Kamin (zusammen mit Amy Grant, Faith Hill und Susan Boyle), dem Adventskranz und dem Fernseher („Last Christmas“ und „A Crown for Christmas“ können wir sehr empfehlen). Zum 4. Advent ziehe ich an den Adventskranz meiner besten Freundin Janka um und wir lassen uns von unseren Gatten mit selbst gekochtem indischem Curry und italienischem Rotwein verwöhnen, während im Hintergrund die Titelmelodie von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ säuselt. Und jetzt, jetzt sitze ich mit warmem Herzen bei meinen Eltern auf der Couch. All der Adventsschmuck meiner Kindheit ziert zuverlässig die Orte im Haus, die er bereits seit Jahrzehnten ziert. Es sind wieder ein paar Engelchen zur opulenten Sammlung auf der Fensterbank hinzugekommen, unten im Keller stehen die Dosen mit den Plätzchen nach Familienrezept. Ich habe meiner Mama heute morgen dabei zugesehen, wie sie aus frischen Früchten und Kirschsaft ihre berühmte Rote Grütze gekocht hat, ohne die Weihnachten nicht Weihnachten wäre, mein Papa kommt durch die Tür und bringt von draußen einen frostigen Hauch und ein Dutzend geräucherte Forellen für das Weihnachtsessen mit. In zwei Stunden trudeln meine Geschwister ein, morgen wird der Baum geschmückt, die Kinder meiner Schwester werden, wenn auch inzwischen Teenies, voll Ungeduld die Bescherung herbeisehnen, während wir Erwachsenen uns die Bäuche mit Forelle und Roter Grütze vollschlagen – und dann, endlich, wird das Christkind sein Glöckchen läuten. SO muss Weihnachten für mich sein.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.