Countryroads

Pennsylvania, Ohio, Indiana, Illinois, Iowa sausen an uns vorbei. Surrender Asphalt und Highway-Romantik, Wiesen und Felder soweit das Auge reicht. Rote Holzscheunen und gigantische freistehende Wassertürme mit Ortsnamen beschriftet, die ich zehn Sekunden später schon wieder vergessen habe. Kleine Städte mit perfekt getrimmten Rasen und hölzernen Veranden vor den Häusern. Zeichen des Niedergangs in den Ortschaften des Rustbelt, in dem schon lange keine Schwerindustrie mehr für Jobs sorgt. Ein paar Kilometer weiter üppiges Farmland und herrschaftliche Häuser, die Wohlstand ausstrahlen. Ein Schild am Rand des Highways, das mahnt, Jesus sei der einzig wahre Erlöser. Eines mit Werbung für den örtlichen Waffenladen – ein paar Meilen weiter eines für den Bio-Bauernmarkt gleich an der nächsten Ausfahrt. Ein altes Wahlplakat für Donald Trump 2020, ein Schild mit der Jubelbotschaft, dass Cannabis in diesem Bundesstaat legal ist. Und immer wieder Truck-Stops mit Typen wie aus dem Bilderbuch – aber auch ganz anderen. Eine junge Mitarbeiterin mit blauen Haaren hilft einem älteren Trucker mit Camouflage-Basecap und Armeehosen bei der Routensuche in einem großen Straßenaltas. Eine Transfrau mit elegant lackierten Fingernägeln und unverschämt langen Wimpern kassiert strahlend belegte Sandwiches und Dosenbier an der Tanke ab. In einem Laden mit direktem Durchgang vom Tankstellen-Shop bietet ein bärtiger Typ Messer aller Größen (das längste, das ich sehe, ist länger als mein Unterarm) und Schwerter, die in Spazierstöcken verborgen sind, an. Aus den Lautsprechern dröhnt erst Country, dann mexikanischer Hiphop.

Wir lernen nach und nach die Handhabung der Tankautomaten (gelingt uns besser als die der Ticketautomaten in New York) – und die Infrastruktur zu schätzen. Nach den ersten beiden Nächten im schützenden Grün von National Forrests gehen uns ab Ohio die Möglichkeiten naturnaher Übernachtungsplätze aus. Wir tun, was alle Langstreckenreisenden in den USA tun: Wir übernachten an Truck-Stops. Etwas laut aber dafür sicher, 24 Stunden geöffnete Toiletten und eine heiße Dusche am Morgen für 12 Dollar – die wir uns sogar teilen dürfen. Kein Problem, der Waschraum ist riesig und die beiden älteren Herren, die uns mit Handtüchern versorgen, reizend.

Tanken und Einkaufen, das sind die beiden einzigen Gelegenheiten, zu denen wir in den ersten Tagen unsere gemächliche Reise Richtung Westen unterbrechen. Bis heute, da bauen wir einen Schlenker nach Riverside/Iowa ein, einen 1000-Seelen-Ort, wo uns in einem unscheinbaren Holzbau an der Hauptstraße eine Lady im Rentenalter mit langem grauen Pferdeschwanz in einem anderen Universum begrüßt: „Willkommen auf der Enterprise“. In dem verschlafenen Nest – der eine oder andere Startrek-Fan weiß das vermutlich -, liegt der fiktive zukünftige Geburtsort des legendären Captain James T. Kirk. Liebevoll unprofessionell inszeniert und gespickt mit Fotos und Widmungen der Schauspieler älterer und jüngerer Star Trek-Serien und -Filme. Sogar einen Captains Chair haben sie aufgebaut – das können wir uns nicht entgehen lassen! Die Serie ist für Nico eine Jugenderinnerung und für mich untrennbar mit unserem Aufbruch in das große Abenteuer verbunden. Im Januar 2020, als wir schon fast alles aus unserer Kölner Wohnung verkauft, verschenkt oder eingelagert hatten, nur noch eine Matratze auf dem Boden und unsere Laptops, haben wir uns die letzten Abende bis zum Auszug mit Pizza und Kölsch vom Lieferdienst und alten Star Trek-Folgen vertrieben. Seitdem ist unsere Reise für mich innerlich untrennbar verbunden mit dem Aufbruch in Neue Welten, „to boldly go where no man has gone before“.

Etwa die Hälfte der 3.500 KM langen Strecke nach Moab/Uthah, dem Eingang zu den Canyonlands und dem Arches Nationalpark – unser erstes „richtiges“ Ziel – haben wir hinter uns. Der Mittlere Westen ist im Grunde alles andere als spektakulär – und damit ein umso reizvollerer – wenn auch erstmal nur flüchtiger – Einblick in die amerikanische Normalität abseits touristischer Attraktionen. Wir saugen die Eindrücke gierig auf – und genießen jede Meile on the road.

6 Kommentare

  1. Herzlichen Gruß vom sonnigen Niederrhein möchte ich Euch senden und mich bedanken für diesen spannend geschriebenen Bericht mit schönen Fotos.
    Da ist die Reise durch die 5 Staaten schon schnell vorüber geflogen.
    Habt ihr Euch gut eingelebt in Euren Com.Bond ?
    Gute Reise weiterhin Eure M/Monika

    1. Ja, das hab ich ganz vergessen zu schreiben: Der Bond läuft super und wir sind total happy mit unserem Ausbau! Sowas wie Übernachten auf einem Truck-Stop bei Regen wäre mit Mr. Norris kaum möglich gewesen bzw eine echte Herausforderung an unser Wohlbefinden… War auf jeden Fall die richtige Entscheidung, auf ein größeres Fahrzeug umzusteigen.

  2. Vielen Dank, Ihr Lieben. Es freut mich, dass ich gefühlt wieder mit Euch reisen darf. Und die Erinnerungen an fremde Supermärkte uvm. mit Deinen so nachvollziehbar erzählten Berichten wieder sehr lebendig werden. Allzeit gute Fahrt und viele Abenteuer wünscht
    Astrid
    Garten-Camping in Nideggen

  3. Hello meine Lieben. Auch ich konnte jetzt mal wieder eurer Reise „folgen“ und die wie immer sehr gut geschriebenen Berichte lesen. Bin gespannt auf weitere Geschichten und Abenteuer – endlich Übersee :-). Drücker.

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