Unter der Sonne Kaliforniens

Der Bär schaut mich aufmerksam an. Eigentlich sehe ich nur seinen Kopf, der über dem grünen Buschwerk zu schweben scheint. Höchstens zehn Meter von mir entfernt. Eine heiße Welle des Erschreckens läuft durch mich hindurch und ich bleibe ruckartig mitten auf dem schmalen Trail stehen, auf dem Nico und ich uns und unsere schweren Rucksäcke seit Stunden durch das Paradise Valley im Kings Canyon Nationalpark bergauf schleppen. „Ein Bär“, flüstere ich Nico zu, der ein paar Meter hinter mir geht. Der Bär legt den Kopf ein wenig schief und schaut mich genauso prüfend an wie ich ihn. Dann knabbert er weiter an irgendwas weiter unten in dem grünen Strauch. Er ist hübsch. Dunkelbraun mit glänzenden Knopfaugen. Viel hübscher als der zottelige Kollege mit den hellen, übellaunig dreinschauenden Augen, den wir neulich auf dem Parkplatz im Sequoia Nationalpark gesehen haben. Ich horche in mich hinein, mein Puls schlägt wieder ruhiger. Habe ich Angst? Ich horche. Nein, fühlt sich nicht so an. Respekt – ja. Angst – nein. Der Bär sieht nicht so aus, als würde er gleich auf uns zustürmen und versuchen, unsere Rucksäcke mit den Lebensmitteln für zwei Tage zu plündern. Er raschelt einfach weiter im Busch rum und macht seinen Bären-Kram. Nico und ich gehen vorsichtig an ihm vorbei, nach ein paar Dutzend Metern macht der Trail eine Kurve und wir sehen den Bären nicht mehr. Erleichterung. Nicht, weil der Bär außer Sicht ist, sondern weil ich sie endlich hinter mich gebracht habe, meine erste Begegnung mit einem Bären in freier Wildbahn, vor der ich mich seit Wochen fürchte. Die ehrlich gesagt der Grund ist, weswegen wir uns heute überhaupt spontan für eine Nacht ins Backcountry des Kings Canyon aufgemacht haben.

So viele Gedanken und Sorgen habe ich mir über die Schwarzbären gemacht, die überall im Westen Amerikas leben und einem beim Wandern in den Parks nahezu unvermeidlich irgendwann über den Weg laufen. Anders als bei unserer Wanderung in den rumänischen Karpaten, in denen ebenfalls eine große Bärenpopulation zuhause ist, haben mir die Bären hier in den USA von Anfang an Angst gemacht. Meine Theorie: Hier sind so viele Touristen, die überall picknicken, Müll und Essen herumliegen lassen, dass die Tiere uns Menschen zwangsläufig mit leicht zugänglicher Nahrung in Verbindung bringen. In Rumänien sind die Begegnungen mit Menschen dagegen so selten, dass die Bären ihre natürliche Scheu vor ihnen bewahrt haben und uns meiden. Was also tun, wenn doch einer meiner ganz großen Wünsche für diese Reise eine Mehrtages-Wanderung mit Rucksack und Zelt im Yosemite Nationalpark ist? Ich merke, dass ich mit dem Gedanken spiele, zu kneifen, je näher unser Zeitslot für die Wanderung rückt (ich habe uns schon vor Monaten von Deutschland aus das dafür nötige Wilderness Permit organisiert, da diese spontan kaum zu kriegen sind, ich die USA aber keinesfalls OHNE eine solche Tour verlassen wollte). Nico versucht, meinen Ängsten mit Fakten beizukommen. Mein Gehirn versteht, dass es statistisch gesehen absurd wenige Begegnungen zwischen Mensch und Bär gibt, die schlecht für den Menschen ausgehen, und dass diese wenigen zu 98% durch falsches Verhalten des Menschen ausgelöst wurden. „Be bear-aware, not bearanoid“, lautet die Devise: Sei Dir der Bären bewusst aber habe keine übertriebene Angst vor ihnen. Und trotzdem fürchte ich mich. Nach einer Woche im Sequoia und Kings Canyon Nationalpark mit schönen Wanderungen auf viel begangenen Pfaden hinauf zu luftigen Aussichtspunkten und hindurch zwischen den gigantischen Stämmen der Mammutbäume bin ich die Furcht leid – und schlage Nico vor, eine Nacht im Zelt im Nationalpark zu verbringen. Eine. Und wenn ich die überstehe, traue ich mich hoffentlich auch die vier geplanten Nächte im Yosemite. Den Teufel mit dem Belzebub austreiben.

Nico ist sofort dafür – bleibt nur die Hürde „Wilderness Permit“, das auch für den Kings Canyon erforderlich ist. Zu allem Überfluss haben wir Freitag – am Wochenende sind die Permits noch schwerer zu bekommen. Wir fahren die 30 Meilen lange Panoramastraße durch den Kings Canyon bis zur Roads End Permit Station. Eine junge Rangerin sitzt hinter dem Fenster der kleinen Holzhütte: „Wann wollt Ihr los? Gleich heute oder morgen?“, fragt sie. Ich kann’s nicht fassen: Wir kriegen ein Permit?? „Jemand ist nicht erschienen heute  – sein Pech, Euer Glück“, sagt sie mit einem fröhlichen Grinsen. „Gleich heute“, stoße ich schnell hervor, bevor ich es mir anders überlegen und doch noch kneifen kann.  Und dann löchere ich sie mit all meinen Fragen zum Thema Bären. Und gehe mit dem guten Gefühl zum Bus zurück, dass die Bären hier eher kleine, unaggressive Tiere mit durchaus noch vorhandener Scheu vor Menschen sind. Opportunisten, die sich unbeaufsichtigtes Essen schnappen oder ihr Glück an – in den Parks zu diesem Zwecke bärensicher verschlossenen – Mülleimern versuchen. Die aber niemandem deswegen zu Leibe rücken oder sich meine Müsliriegel mit Gewalt holen werden. In aller Eile stopfen wir unsere Rucksäcke voll und hoffen, dass wir nichts vergessen (wenn ich daran denke, wie akribisch wir unsere Packlisten für die Wanderung in den Karpaten erstellt und immer wieder geprüft und optimiert haben, kommt mir das hier wie ein Himmelfahrtskommando vor. Aber, hey, ist ja nur für eine Nacht, da ist alles außer Isomatte, Schlafsack und Zelt im schlimmsten Fall verzichtbar). Und machen uns auf den Weg. Und treffen unseren ersten Bären in freier Wildbahn. Und stellen fest, dass Moskitos viel, viel ätzender sind und uns viel, viel dichter auf den Leib rücken. Und keuchen und fluchen, weil der Weg steiler, länger, anstrengender ist als gedacht und wir genauso unfit, weil untrainiert, wie befürchtet. Und verbringen eine absolut ungestörte Nacht in unserem Zelt im Paradise Valley. Und schleppen uns am nächsten Tag den ganzen langen, heißen Weg zurück und keuchen und fluchen – aber das Panorama ist das alles sowas von wert. Und das Gefühl, die Bärenangst im Griff zu haben, noch viel mehr!

Tja, was soll ich sagen: Aus der Mehrtages-Wanderung im Yosemite ist trotzdem nichts geworden. Schon auf der Fahrt entlang der Sierra Nevada sehen wir die dicken Rauchwolken südlich des Yosemite Valleys aufsteigen. Seit Tagen lodern bei Mariposa Grove Waldbrände. Am nächsten Morgen wachen wir auf dem Campingplatz nahe des Westeingangs in den Nationalpark von Brandgeruch auf. Die Luft ist rauchgeschwängert, wie Nebel hängt der Qualm über dem Merced River. Dabei sind wir rund 30 KM Luftlinie entfernt von den Bränden! Selbst, wenn das Feuer keine unmittelbare Gefahr für uns darstellt: An Wandern ist bei diesen Sicht- und Atembedingungen nicht zu denken. Mir wird schon auf dem Campingplatz schwummerig, schnell bauen wir unser Camp ab und fahren los. Weg vom Park. Mit jeder Meile, die mein Traum von einer Woche im Yosemite hinter mir verschwindet, wird mein Herz schwerer. Weil wir hier nicht bleiben können. Weil ein Traum vorerst ein Traum bleibt. Weil mehr als 1.000 Jahre alte Riesenbäume brennen. Weil die Welt in Flammen steht: Portugal, Südfrankreich, Griechenland, überall zündelt der Klimawandel an unseren Naturwundern und verwandelt Lebensgrundlagen in Asche. Immer schon – Brände gehören zu Kalifornien wie Palmen und Mammutbäume und schon lange, bevor das hier Kalifornien hieß. Aber immer heftiger, weil die Welt immer heißer wird. An den Highways stehen Schilder, die sich um Wasserknappheit drehen. Ein Schilderkampf. „Don’t waste our damn water“, beschimpfen Aktivisten die kalifornischen Obst- und Weinbauern, die ihre Felder voller Orangen- oder Mandelbäume, ihre Weinberge, ihre Walnuss- und Pistazienhaine wässern. Fast schon unwirklich grün stechen die Plantagen aus dem Grau-Beige des wüsten, hügeligen Südkaliforniens heraus.  „Damn water grows food!“, schimpfen die Bauern zurück. Wer hat Recht? Ich weiß es nicht. Aber der Gedanke, dass Wasser auch für uns irgendwann ein Privileg sein könnte, macht mir Angst. Der Gedanke, dass das für viele Menschen auf der Welt schon längst Realität ist, bedrückt mich. Dann wiederum sind da die riesigen Solarfelder, die die 320 Tage im Jahr scheinende Sonne Kaliforniens einfangen. Und die schlanken weißen Windräder, die den vom Pazifik hereinwehenden Wind in Energie umwandeln. Es passiert nicht Nichts. Hoffentlich noch rechtzeitig… Ich beschließe, mich nicht in den Abgrund dieser Gedankenspirale zu begeben, und der fantastische kalifornische Cabernet Sauvignon, den wir auf einem der zahllosen Weingüter in Paso Robles erstehen, hilft dabei definitiv.

5 Kommentare

    1. Vielleicht können wir im Herbst noch mal einen Anlauf nehmen… für uns ist es ja „nur“ eine verpasste Gelegenheit, ich möchte jetzt kein kalifornischer Fire Fighter sein, und auch kein Mammutbaum…

  1. Toll, toller, am tollsten!
    Wieder ein Bericht, zu dem mir viele Superlative einfallen.
    Königlich amüsiert habe ich mich über Deine Beschreibung:
    „…und macht seinen Bären-Kram“ ,
    Herrlich; könnte mich kringeln vor Lachen .
    Das wundervollste Bild ist Deine Baum-Umarmung in meinen Augen. Diese Dimensionen… wirkliche Giganten! Zeitzeugen!
    Umso dramatischer die Brände, die mir ebenfalls Angst machen und einen schier verzweifeln lassen.
    Die Natur sterben sehen und ohnmächtig sein… das braucht schon einen ordentlichen Schluck aus der Pulle!!!
    Euer Bärenerlebnis deckt sich mit unseren Erfahrungen in Kanada und Rumänien. Wir haben die Bären friedlich und an uns völlig desinteressiert erlebt.
    Wunderschöne Tiere. Hat es nicht in den Fingern gezuckt, die Kamera zu zücken?
    Ich (ver)folge Euch weiter gespannt.
    Liebe Grüße,
    Astrid

    1. Ach, lieber Astrid, ich freue mich immer so über deine ausführliche Rückmeldung. Das tut mir gut zu lesen, und es macht mir Spaß, dass du Freude an unseren Berichten hast.

      Was die Bären in Kanada angeht, bin ich erneut von Sorge getrieben. Wir sind ja gerade auf dem Weg dorthin, und die Rangerin im Kings Canyon Nationalpark hat uns gesagt, dass in den kanadischen Rockys Grizzlybären leben. Und die bringen eine sehr viel höhere Hrundaggression mit als Schwarzbären. Wir haben eine mehrtägige Wanderung im Banff Nationalpark geplant, nachdem Yosemite ja schon ins Wasser gefallen ist. Möglicherweise muss ich mich meinen Ängsten dann aufs neue stellen und werde mir vielleicht Schwarzbären wünschen, weil das immer noch besser ist als Grizzlys 😀 so verändern sich die Perspektiven 😀 ich werde berichten.

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