Weltwunder und Wetterstrategien

Als wir an unserem letzten Abend am Grand Canyon in der Dunkelheit vor unserem Bus sitzen, erscheint es uns wie eine gute Idee. „Wir haben jetzt drei tolle Nationalparks auf dem Colorado-Plateau gesehen. Sollen wir wirklich die 600 KM zurück durch Utah fahren, um auch noch den Zion Nationalpark zu erkunden?“, fragt Nico mich. Es kommt so selten vor, dass er konkrete Wünsche an die Reiseroute formuliert, dass ich sofort hellhörig werde. „Hast Du die vielen Parks schon satt?“ Nein, nein, beschwichtigt er mich. Nicht satt. Nur Lust auf einen weniger heißen, trockenen Ort mit mehr Grün. So wie in den Rockies. Ich überlege. Da wir im Herbst und Winter noch einmal für weitere drei Monate von Kanada aus durch die USA Richtung Mexiko reisen wollen, könnten wir Zion genauso gut dann besuchen. Wir sind frei wie der Wind und können unsere Pläne jederzeit umschmeißen – und wenn der Mann schon mal einen Wunsch äußert, dann ist das ein mehr als guter Grund für eine Routen-Änderung. Also brechen wir am nächsten Morgen nicht nach Norden auf, sondern nach Südwesten, zu den 900 KM entfernt liegenden südlichen Ausläufern der Sierra Nevada. Von dort wollen wir über den Sequoia und Kings Canyon Nationalpark zu einem der Orte, der in den Jahren, seit wir diese Reise planen und herbeisehnen, stets ein leuchtendes Ziel für mich war: Yosemite. Ein paar Tage Roadtripp über Teile der „Motherroad“, der historischen Route 66, die Vorstellung gefällt mir. Genug Zeit, um die Eindrücke vom Grand Canyon in Ruhe sacken zu lassen, bevor wir neue Bilder und Erlebnisse hinterher schicken.

Der Grand Canyon ist all das, wofür er zu den sieben Weltwundern gezählt und von jedem Amerikaner, egal welcher Ethnie, Religion, Weltanschauung, Gehaltesstufe oder politischen Präferenz, als eine Art steingewordenes Wahrzeichen der Nation wahrgenommen wird. Gewaltig, atemberaubend, weder mit den Augen noch mit dem Verstand zu erfassen. 1.5 Milliarden Jahre Erdgeschichte lassen sich an seinen Gesteinsschichten ablesen, die vom Rand des Canyons bis zu 1.800 Meter tief hinab zum Flussbett des Colorado River reichen. Im Laufe der Jahrmillionen lag die heutige Schlucht unter Ozeanen begraben, wurde von Eiszeiten geschliffen und von Lava und Asche bedeckt. Ein Dorado für Geologen – und für Touristen wie uns, die kommen, um dieses Naturwunder zu bestaunen. Und als wäre das allein nicht spektakulär genug, bekommen wir den Canyon quasi mit Paukenschlag: Als wir gerade die ersten Kilometer unserer Wanderung entlang der südlichen Abbruchkante gegangen sind, verdunkelt sich der Himmel plötzlich und löscht die heiße Sonne aus. Über die Schlucht ziehen Regenbänder hinweg, zunächst nur sichtbar, dann spüren wir die kalten Tropfen auch auf der Haut. In der Ferne zucken Blitze, über uns grollt zorniger Donner. Das Timing könnte nicht besser sein, wir befinden uns gerade auf Höhe der Bright Angel Lodge, einer der wenigen Einkehrmöglichkeiten entlang des mehr als 20 KM langen South Rim Trails. Ein paar Minuten lang noch starren wir unter dem Vordach hervor ehrfürchtig auf die Naturgewalten über der Schlucht, dann flüchten wir nach drinnen. Erst in den Souvenirshop, dann in die Bar. Während das Wasser Parkplätze und Fußwege unter sich begräbt, probieren wir ein Grand Canyon Pilsener (auch nicht viel besser als all die anderen amerikanischen Biere, die wir bisher getestet haben, aber was soll’s, es ist kalt und perlt und wir sitzen im Trockenen). Nach einer Stunde ist das Gewitter weitergezogen – und wir bleiben mit dem Gefühl zurück, etwas erlebt zu haben, das nicht allzu viele der jährlich rund sechs Millionen Besucher des Grand Canyons erleben.

Das Gewitter hat die sommerheiße Luft ordentlich abgekühlt, zum erstenmal seit Wochen ziehen wir an dem Abend lange Hosen und feste Schuhe an, als wir vor dem Bus sitzen und neue Pläne schmieden. Und es für eine gute Idee halten, weiter Richtung Süden zu fahren. Ein Plan, der genau 24 Stunden lang halten wird – dann müssen wir uns der Erkenntnis geschlagen geben, dass Tagestemperaturen von 43 Grad einfach zu viel für uns sind. Am Abend nach dem Aufbruch vom Grand Canyon steigen wir am Rande der Route 66, irgendwo zwischen Seligman und Kingman bei samtigen 30 Grad und einem schmeichelnden Sommerwind aus dem Bus. Wir haben einen Stellplatz etwas abseits des Highways und höher gelegen gefunden – perfekter Sonnenuntergang und glitzernder Sternenhimmel inklusive. Irgendwas an der Szenerie bewegt mich dazu, Nico mit einer meiner alten Lieblingsplatten zu quälen: der „Double Live“ von Garth Brooks (ich gestehe – und alle meine musik-kompetenten Kölner Freunde müssen jetzt mal weglesen -, dass ich schon seit Jahrzehnten eine heimliche Leidenschaft für Countrymusik hege. Und Nico ist so liebenswürdig, mir das ab und zu durchzugehen zu lassen). Wir feiern die Musik, den Ausblick, das Privileg dieser Reise, die warme Wüstennacht. Um am nächsten Tag von der nicht zu ignorierenden Realität eingeholt zu werden. Und die lautet: 35 Grad im Schatten schon morgens um halb zehn – bloß, dass es keinen Schatten gibt. Wir finden die vermutlich einzigen Bäume im nahen Kingman und frühstücken schwitzend an einer Picknickbank auf einem kleinen Rasenstück, das von drei Hauptstraßen gesäumt ist. Der Wind hat die Temperatur meines Föhns, im Bus ist es noch schlimmer. Ich fühle mich wie die Katze auf dem heißen Blechdach und habe auch in etwa ihre Laune.
Gegen Mittag klettert das Thermometer auf 43 Grad. Wir flüchten ins Gebäude gegenüber der Picknickbank, in dem sich die Touristeninformation von Kingman sowie ein kleines Route 66-Museum befinden (um den Fanshop mit markiger Motherroad-Bemalung auf der anderen Straßenseite machen wir einen Bogen, das Schild am Eingang mit der Aufschrift „Keine Maske? Keine Impfung? Kein Problem!“ sowie die Werbung für „handgefertigte Masken gegen das Kommunisten-Virus“ signalisieren uns, dass wir offenbar nicht die Zielgruppe sind. Der Typ mit der Knarre am Gürtel, der aus seinem Pick-up aussteigt und uns, als er uns vor dem Shop stehen sieht, auffordert, doch hinein zu gehen, sie hätten coole T-Shirts, macht den Laden für uns noch weniger verlockend).

Gelähmt von der Hitze hocken wir uns in der hintersten Ecke des Museums-Shops an einen Tisch neben dem Getränkeautomaten, aus dem wir in regelmäßigen Abständen Halbliterflaschen mit kaltem Eistee ziehen, und wägen unsere Optionen ab. Die Wetterkarte ist nach Westen bis zum  Pazifik und nach Süden bis zur mexikanischen Grenze tiefrot eingefärbt: Temperaturen von 40 Grad und mehr. Wir wollten die Tage auf dem Weg zur Sierra Nevada eigentlich auch zum Arbeiten nutzen. Aber bei der Hitze ist es draußen gar nicht und im Bus nur während der Fahrt auszuhalten – nur dann läuft auch die Klimaanlage vorne im Führerhaus. Zum ersten Mal seit wir im Bond unterwegs sind, erwägen wir, eine Unterkunft zu buchen – vorausgesetzt sie hat Air-Condition und einen Pool. Genauso schnell verwerfen wir die Idee wieder, das 4. Juli-Wochenende steht vor der Tür und die Hotelpreise sind jenseits dessen, was uns ein paar kühle Tage im Nirgendwo wert wären. Ein erneuter Blick auf die Wetterkarte (falls es jemanden interessiert: Wir nutzen für solche Recherchen meist die Windy-App): Einzig die Sierra Nevada mit ihren Höhenzügen sticht gelb aus der roten Glutlandschaft hervor – kühle Mitte bis Ende 20 Grad! Also beschließen wir nach zwei Stunden Grübeln, den gemütlichen Roadtripp abzublasen und einfach schnellstmöglich dort hinzufahren.

Bis es dunkel wird fahren wir. Fahren und fahren, südlichen der Mojave-Wüste entlang von Arizona über die Grenze nach Kalifornien, durch heißes, staubiges Land, dem alle Farbe entzogen zu sein scheint. Lebensfeindlich und für den Menschen nur bewohnbar Dank Erfindung der Klimaanlage. Wir schlafen an einem Truck-Stop in Barstow, einem Städtchen, der Wüste abgetrotzt. Und feiern die Amerikaner dafür, dass sie an jedem noch so unwirtlichen Ort eine Tankstelle mit Supermarkt und sauberen Toiletten sowie ein paar Fastfood-Restaurants aufstellen (Tipp: Die Kette „Chipotle“. Frisches, fantastisch gewürztes mexikanisches Essen, das man besser auch nicht im Restaurant bekäme!). Als unsere Gehirne soweit runtergekühlt sind, dass wir wieder klar denken können, suchen wir auf der Karte einen Starbucks heraus und legen dort am nächsten Tag ein paar Arbeitsstunden ein (dank Klimaanlage sitzen wir mit eiskalten Beinen und dicken Pullis an unseren Laptops – verrückte Welt). Heute das gleiche Spiel: Übernachtung an einer Tanke, jetzt Arbeiten bei Starbucks. Aus der Not geboren, aber für den Moment die einfachste – und am wenigsten kostspielige) – Strategie, um der Hitze draußen zu entkommen.

2 Kommentare

  1. Mein Cloudprovider zeigt mir gerade, dass ich vor genau 17 Jahren im Grand Canyon wandern und raften war. Ich weiss noch, dass ein Schluck Colorado unerwartet intensiv nach Sand und Salz geschmeckt hat. Danke fürs noch mal miterleben lassen. Lebt den Traum! Und bitte nicht vertrocknen oder ertrinken!

    GLGT

    1. Das Internet vergisst offenbar nichts… 😀
      Der Schluck Colorado fehlt uns noch: Obwohl wir wochenlang in seiner Nähe und immer mal wieder in Sichtweite zu ihm gereist sind, war sein Wasser bisher unerreichbar für uns. Nach Deiner Beschreibung bleiben wir aber vielleicht auch besser beim Bier… vertrocknen tun wir jedenfalls nicht 😀

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