Der Weg zu unserem Traum

Der Traum war erwacht, wir sahen die Bilder von uns auf Reisen so klar vor unseren Augen als wären wir schon unterwegs. Was wir allerdings noch brauchten, war Geld. Geld und einen Bus. Recherchen im Internet gaben zwar viel Aufschluss darüber, mit welchem Budget Backpacker in etwa auf einer Weltreise auskommen, für Selbstfahrer konnten wir aber keine brauchbaren Richtwerte finden. Wir schrieben also kurz entschlossen Martin Zech an, den Mann, der mit seinem L300 namens „Herr Lehmann“ um die Welt gefahren war. Martin antwortete sofort: 1.500 Euro pro Monat hatten er und seine Frau im Durchschnitt in den zwei Jahren für zwei Personen, den Bus, Diesel, Verschiffungen und Flüge ausgegeben.

Wir listeten alles Fixkosten auf, die wir im Monat hatten, kündigten Abos, überflüssige Versicherungen, Mitgliedschaften im Fitnessstudio (in das Nico ohnehin nie ging), begannen, Dinge zu verkaufen, die wir ohnehin nicht brauchten, und zogen innerhalb von vier Wochen in eine halb so große Wohnung in Köln. Wir rechneten aus, was wir mit all diesen Maßnahmen bei unseren beiden Gehältern und einem sorgsamen Umgang mit unserem Geld im Monat sparen können. Ergebnis: im April 2020 können wir losfahren und dann für mindestens drei Jahre finanziell unabhängig reisen.

Auch einen Bus fanden wir innerhalb kürzester Zeit (im Grunde sind wir überzeugt, dass der Bus uns fand). Der Plan war eigentlich, erst im folgenden Frühjahr einen Bus zu kaufen und ihn auszubauen, wir durchkämmten aber schon mal die einschlägigen Portale, um den Markt zu checken. Im Sauerland, keine 100 km von uns entfernt, stand ein weißer L300. Wir beschlossen, ihn einfach mal anzuschauen, um sicher zu gehen, dass Nico mit seinen über 1,90 m Körpergröße bequem genug im Führerhaus sitzen kann, um darin Zehntausende von Kilometern um die Welt zu fahren. Wir machten uns also auf ins Sauerland – und da stand der Kleine. Baujahr 1994, so gut wie kein Rost (was uns wie ein Wunder vorkam, da der L300 in den Foren als gefürchtete Rostfalle beschrieben wurde), nur 150.000 km gelaufen, scheckheftgepflegt von einem alten Herrn, der ihn nur im Sommer gefahren war und ihm ansonsten warme Winter in der Garage gegönnt hatte – der Traum jedes Gebrauchtwagenkäufers. Den konnten wir nicht NICHT kaufen – eine Woche später stand er erst beim ADAC zum Durchchecken auf der Hebebühne (und brachte den Prüfer zum Schwärmen) und danach bei unserer Freundin Linda auf dem Tiefgaragenstellplatz (den sie zufällig nicht brauchte, da er zwar zu ihrer Wohnung gehörte, sie aber gar kein Auto hatte – wieder so eine glückliche Fügung).

Dass das Schicksal unsere Pläne unterstützt, wussten wir spätestens an dem Tag, an dem wir Roland und Stefan kennen lernten. Eigentlich hatten wir über Ebay Kleinanzeigen nur nach einer Garage gesucht, in der Mr. Norris (so haben wir den Bus getauft) trocken stehen kann und in der wir mit etwas Glück zumindest ein paar kleine Dinge an seinem Ausbau erledigen könnten (für die dicken Brocken hatten wir uns schon für zwei Urlaubswochen im Sommer bei meiner Schwester und ihrem Autoschrauber-Ehemann auf deren Hof nahe Wolfsburg angekündigt). Was wir fanden war ein Platz in einer riesige Scheune nahe Köln, in der wir nicht nur Hebebühnen und Werkzeug bis zum Abwinken fanden, sondern in Roland und Stefan auch zwei Vollprofis in Sachen Autoschrauben, die in den folgenden eineinhalb Jahren ihr Wissen großzügig mit uns teilen sollten, uns unendlich viel beibrachten und dafür sorgten, dass wir nicht schon kurz hinter Halifax am Straßenrand liegen bleiben.

Viele Stunden verbrachten wir mit Gedankenspielen und Recherchen dazu, wie wir den Bus einrichten und ausstatten würden. Nico arbeitete sich im Laufe der Monate in Herz und Seele von Mr. Norris ein und kennt sich in seinem Innenleben inzwischen deutlich besser aus als in unserem Haushalt. Alle Infos zum Innenausbau und zu den Features, mit denen wir unseren Bus zu einem unabhängigen Weltreisemobil ausgebaut haben, findet Ihr in der Rubrik Camper-Ausbau.