Corona vs. Heuschnupfen

Willkommen zum großen Wettstreit der Seuchen: Seid dabei, wenn es um die große Frage geht, was mehr Einfluss auf die Routenplanung von Brit und Nico hat, Viren oder Pollen? Der Sieger diese Woche ganz klar: der Heuschnupfen! Seit dem Osterfest bei Theo und seiner Familie hat er Nico fest im Griff, die letzten Tage in Nafplio hat er fast komplett drinnen und bei geschlossenen Fenstern verbracht. Citerizin geschluckt wie andere Leute Smarties und sich Spezial-Nasenspray in die Atemwege gesprüht, dessen Anschaffungskosten uns beinahe in die Privatinsolvenz getrieben hätten. Hat alles wenig genützt. Er hat die Olivenbäume im Verdacht, die rund um Theos Haus wachsen. Weswegen wir unseren ersten Stellplatz nach dem Aufbruch bei Theo nach nur einem einzigen Kriterium auswählen: möglichst weit weg von Oliven. Okay, und möglichst nah dran am Theater von Epidauros: Nach so vielen Wochen in der Nähe der antiken Stätte wollen wir diese nun endlich auch mal besuchen. Und erleben die erste wirklich positive Seite, die wir diesem ganzen Corona-Elend abgewinnen können: Wir haben das riesige Amphitheater fast für uns alleine, als wir am frühen Vormittag dort ankommen. Außer uns hält sich nur eine französische Familie mit ihren vier Kindern auf der Aklepios, dem Gott der Heilkunst, gewidmeten Anlage auf. Die Kids rennen unermüdlich die zahllosen Stufen des Theaters hinauf und hinunter – woher nehmen die bloß die Energie? – und erfüllen das weite Rund mit ihrem Lachen. Und demonstrieren uns so die exzellente Akustik, für die das Theater berühmt ist. 12.000 Menschen fanden hier dereinst Platz, das Theater gilt als eines der besterhaltenen in ganz Griechenland. Die riesigen Parkplatzflächen davor, auf denen heute nur Mr. Norris und der Camper der Franzosen stehen, geben uns eine Idee, wie voll es hier normalerweise sein muss. Wir sitzen in der obersten Sitzreihe und bewundern die Symmetrie und den fantastischen Blick, den man von hier aus in die argolischen Berge hat. Dann streifen wir durch den Rest der Anlage, vorbei an dem Schlafgebäude, in dem Asklepios den ratsuchenden Patienten im Traum seine Diagnose und empfohlene Therapie eingeflüstert haben soll; der Banketthalle, in der kultische Gelage stattfanden, dem Artemis-Tempel und dem Stadion. Alles heute nur noch ein paar Steine im von Gras und Blümchen überwucherten Boden, zwischen denen Bienen und riesige schillernde Käfer summen – aber man kann sich das Treiben, das hier im 4. Jahrhundert v. Chr. stattgefunden haben muss, lebhaft vorstellen.


Als wir genug gesehen haben, wenden wir Mr. Norris Richtung Taygetos-Gebirge: Wir wollen unbedingt noch den Profiti Ilias besteigen, den höchsten Berg des Peleponnes. Und wir hoffen, dass es im Gebirge keine Olivenbäume gibt und Nicos Nase etwas Frieden findet. Leider ein Trugschluss, wie sich herausstellt. Und nicht nur der Mann kommt leicht lädiert auf dem traumhaften Stellplatz an, auf dem wir im Januar schon mal gestanden haben. Auch dem Bus geht’s nicht so richtig prima: Er fängt auf den letzten Kilometern an, nach verbranntem Diesel zu stinken. Gar nicht gut. Wir räumen alles aus, um an den Motorraum zu gelangen (beim L300 muss man dafür den Beifahrersitz nach hinten zurückklappen. Da wir jede verfügbare Fläche des Büsschens für Stauraum benötigen, haben wir hinter dem Beifahrersitz ein maßgeschneidertes Schränkchen verschraubt – das wir nun jedes mal ausbauen müssen, um an den Motorraum zu kommen). Ein prüfender Blick hinein, an einer der Schrauben auf dem Zylinderkopf tropft eine kleine Menge Diesel aus und verdampft stinkend auf dem heißen Zylinderkopf. Fotos und Fragezeichen gehen in die Whatsapp-Gruppe „Technik“, dazwischen immer wieder epische Niesanfälle – wir verkrümeln uns trotz milder, sternenklarer Nacht in den Bus. Nico zieht sogar drinnen seine Maske auf, das Ding hält nicht nur Viren auf, sondern auch Pollen in Schach.

Den Aufstieg zum Gipfel verschieben wir auf den übernächsten Tag, Nico will erst den Heuschnupfen in den Griff kriegen und eine Idee bekommen, was mit Mr. Norris los sein könnte. Ich widme den nächsten Tag Kreta-Recherchen: Wir haben für den 15. Mai die lang ersehnte Überfahrt gebucht! Nico verbringt den ganzen Tag mit Medikamenten und Maske und fühlt sich trotzdem elend: Oliven gibt es hier oben zwar keine, aber dafür blühen die Gräser um die Wette – wir geben auf und beschließen für den nächsten Tag die Abfahrt statt den Aufstieg. Nach Kalamata ans Meer – wenn es da nicht halbwegs pollenfrei sein sollte, müssen wir an den Nordpol weiterreisen. Und siehe da, der Plan geht auf: Seit gestern Nachmittag sind wir hier, und das Nieskonzert ist zwar nicht komplett verstummt aber doch deutlich weniger geworden. Falls das bedeutet, dass wir sämtliche Frühjahre unserer Weltreise am Meer verbringen müssen, nun ja, dann kann ich damit leben! Wir fahren über die alte Verbindungsstraße zwischen Sparta und Kalamata, die wir schon im Dezember als üppig bewachsen empfunden haben – und die sich jetzt in einen Tunnel aus Grün verwandelt hat (dieses Stück Straße gehört definitiv in die Top Ten der Dinge, die man auf dem Peloponnes gemacht haben sollte. Es ist eine einfach atemberaubend schöne Strecke). Streifen durch Kalamata, das wir schon im November für mediterran bepflanzt gehalten haben – und das jetzt unter Kaskaden von Oleander, Bougainvilleen und Yakaranda (glaube ich) in allen Schattierungen von Pink, Rot und Orange versinkt. Der Mann atmet auf.

Und Mr. Norris geht es seit heute Mittag auch wieder gut: Die Spezialwerkstatt für Dieselangelegenheiten in Kalamata hat die Ferndiagnose unserer persönlichen Techniker-Garde bestätigt, eine Dieselrückleitung ist aus Altersschwäche gebrochen. Iannis, der Werkstatt-Mann, dem wir bereits im November unseren Bus anvertraut hatten, hat uns den Spezialisten empfohlen und unser Kommen telefonisch dort angekündigt. Wir werden von der super netten jungen Chefin Stella in Empfang genommen, die mit einem kundigen Blick in Mr. Norris‘ Eingeweide sieht, was los ist, dabei noch das nächste Altserschwäche-Symptom – runtergerockte Einspritzdüsen – erkennt und dieses gleich mit beheben lässt. Das ist vielleicht ein bisschen peinlich in unseren ach so gleichberechtigten Zeiten – aber ich feiere die Tatsache, dass hier eine hübsche junge Frau mit kleiner Tochter den Laden ihres Vaters übernommen, ihren Ehemann sowie einen wortkargen aber geschickten älteren Kerl angestellt hat und offenbar einen verdammt guten Job macht Vielleicht finde ich das auch deswegen so cool, weil ich selber leider jedes Klischee erfülle und einfach keinen Zugang zur technischen Seite von Autos finde….

Jetzt sitzen wir auf der Terrasse des Tennisclubs von Kalamata, dessen Besitzer uns schon gestern Abend auf seinem Parkplatz hat schlafen lassen (klingt übel, ist aber in Wirklichkeit ein Stück abgelegener Kiesstrand, hinter dem direkt das Meer rauscht und abends den Blick auf die leuchtende Marina und die Lichter der Stadt freigibt) und schauen bei einem Bier der Sonne beim Untergehen zu. Den Tag haben wir in einer Taverna außerhalb von Kalamata am Strand verbracht, um uns für die Leiden der letzten Tage zu entschädigen – und sind jetzt noch satt von dem Fisch- und Meeresfrüchte-Teller, der auf der Speisekarte harmlos „Seafood Variety“ hieß. Morgen geht es weiter, ich vermute, wir bleiben am Meer. Heuschnupfen vs. Corona  – stay tuned!

3 Kommentare

  1. Guten Morgen Ihr Lieben,
    Ja das ist ja wirklich ein Problem mit Heuschnupfen zu reisen gute Besserung für Nico Super das ihr Hilfe für Mr. NORRIS bekommen habt. Weiterhin gute Fahrt.
    Als wir 2019 im Mai die gleiche Straße durch die Berge gefahren waren, haben wir auch gesagt, dass ist so wunderschön, muss man gesehen haben.
    So ihr Lieben, genießt die Zeit und bleibt gesund und munter LG Monika

  2. O man , sowas braucht kein Mensch ( Heuschnupfen ), da kann man die schönste Landschaft nicht richtig genießen. Das Mr. Morris seine Macken zeigt und das noch in der Einsamkeit ist schon beänstigend, gut das Ihr es zu einem guten Mechaniker(in) geschafft habt . Wünsche Nico gute Besserung und Euch eine Weiterreise ohne Komplikationen.
    Liebe Grüße
    Gabriele Schiller

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