Kein Land des Lächelns

„Wieso haben die hier bloß überall Bremsschwellen auf den Straßen, selbst mitten in der Pampa? Hier gibt’s doch schon so viele Schlaglöcher, dass man eh nicht schneller fahren kann als 30“, mault Nico. Neues Land, neue Voraussetzungen. Wie lange wir in Griechenland waren, und wie sehr wir uns an die dortigen Bedingungen gewöhnt haben und ihnen keinen weiteren Gedanken mehr widmen mussten, merken wir erst, seit wir in Bulgarien sind. Auf einmal ist alles wieder neu. Tankt man hier selber, oder macht das der Tankwart für einen, wie in Griechenland? Gibt man Trinkgeld dafür? Wie schnell darf man hier überhaupt fahren? Und was bedeutet dieses dreieckige, rot-weiße Verkehrsschild mit dem schwarzen Punkt in der Mitte? Hier gibt’s Maut auf allen Straßen? Woher bekommen wir denn die verpflichtende elektronische Vignette dafür? Fragen über Fragen. Und es hört ja nicht beim Autofahren auf. Huch, Bulgarien hat gar nicht den Euro, obwohl das Land schon seit 2007 in der EU ist? Wie heißt denn die bulgarische Währung und was ist sie wert? Was? Schon wieder ein anderes Alphabet? Ein H ist ein N, ein N ist ein I und ein C ist ein S? Gerade hatten wir uns daran gewöhnt, dass im griechischen Alphabet das H ein I ist und das P ein R. Verflixt. Gibt’s hier in den Supermärkten Hafermilch, Veggie-Burgerpatties und Tofu? Und wieso zur Hölle lächelt hier eigentlich kein Mensch?

Nach fast zwei Wochen in diesem Land kennen wir ein paar Antworten. Der Tankwart tankt für einen, erwartet aber nur dann ein kleines Trinkgeld, wenn er auch die Windschutzscheibe gesäubert und den Reifendruck geprüft hat. Man darf auf der Landstraße 90 Stundenkilometer fahren, die Vignette bestellt man online, das Verkehrsschild bedeutet „Achtung, Unfallschwerpunkt“. Gezahlt wird in Lewa, zwei Lewa sind etwa einen Euro wert. In Sofia ist es kein Problem, vegetarische und vegane Produkte im Supermarkt zu bekommen, bei Lidl ebenfalls nicht. Lidl gibt es hier, wie in Griechenland, in jeder größeren Stadt. Und die Menschen? Tja, das ist ein bisschen komplexer als die Verkehrsregeln.

Unser erster Eindruck nach ein paar Tagen in Bulgarien war folgender: Niemand lächelt hier freiwillig, weder der Herr an der Hotelrezeption, noch die Kellnerin im Restaurant. Die Kassiererin im Supermarkt nicht, und der Tankwart schon gar nicht. Auch offensive Gesichtsmanöver meinerseits erzeugen keinerlei Reaktion. Dafür sind die Bulgaren superaggressive Autofahrer, die einem an der Stoßstange kleben, und denen keine Kurve zu eng ist, um darin nicht ein halsbrecherisches Überholmanöver zu wagen. Nach den ersten Kilometern auf bulgarischen Straßen ist Nico total gestresst: Er prügelt Mr. Norris mit 100 Stundenkilometern über die Landstraße, weil er sich permanent von seinen Hintermännern unter Druck gesetzt fühlt. Auf einer unserer ersten Touren erwischen wir zu allem Überfluss auch noch eine Transitstrecke für LKW: Sie ist zwar nur einspurig, trotzdem donnern die 40-Tonner in endloser Folge in Höchstgeschwindigkeit über den Asphalt und geben uns Lichthupe, weil wir offenbar zu langsam sind. Der Mittelstreifen wird sowohl von Pkw als auch von Lkw gerne als zweite Fahrspur genutzt, auch Kurven sind kein Grund, mit dem Fahrzeug in der eigenen Spur zu bleiben. Wir schwitzen Blut und Wasser in diesen ersten Tagen. Nach knapp zwei Wochen hat sich das Bild allerdings bereits wieder verändert. Wir haben in diesen zwei Wochen eigentlich nicht viel gemacht. Sind langsam und gemütlich über schmalere Straßen ohne Lkw-Getöse durch die schwül-heißen Lande gejuckelt, haben der Donau an der Grenze zu Rumänien einen Besuch mit Sonnenuntergang (und Moskito-Plage) abgestattet, sind eher zufällig an einer bezaubernden Felsenkirche aus dem 14. Jahrhundert mit eindrucksvollen Wandmalereien im Naturpark Rusenski Lom gelandet (noch mehr Mückenstiche) und danach ebenso zufällig an einer mittelalterlichen Festung, die wir bei 32 Grad in der brüllenden Mittagssonne erklommen haben. Sind weiter ans Schwarze Meer (endlich ein paar Grad kühler: milde 27 statt der vorher konstanten 32), haben uns einen schönen Abend in der Küstenstadt Varna gemacht und heute südlich von Varna unser Nachtlager hinter einer riesigen Düne im Schatten eines Eichenbaums aufgeschlagen. Und haben sehr viel mehr freundliche und lächelnde Menschen getroffen als reserviert dreinschauende.

Trotzdem hat uns der krasse Unterschied zu den stets zugewandten, freundlich grüßenden Griechen anfangs irritiert. Nico hat im Internet recherchiert und folgende Erklärung für die vielen ernsten Minen in diesem Land gefunden: Nach Jahrzehnten sozialistischer Herrschaft, in denen man nie genau wusste, wem man trauen darf und wer für den Staat spitzelt, und wo das Lächeln eines Unbekannten eher auf unlautere Absichten schließen ließ, sind die Menschen vorsichtig geworden. Auch nach der Wende haben die Bulgaren wenig gute Erfahrungen mit offiziellen Stellen, der Bürokratie und der Politik im Allgemeinen gemacht. Korruption und Veruntreuung sind hier nach wie vor an der Tagesordnung, alle Proteste und alles Auf-die-Straße-Gehen der bulgarischen Bürger in den letzten Jahren haben daran wenig geändert. Oben sind heute die, die es auch schon zu Zeiten des Sozialismus‘ waren, die Mutri, die bulgarische Mafia, hält die politischen und wirtschaftlichen Zügel des Landes fest in der Hand. Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme und Geld, das auf dunklen Kanälen zu denen fließt, die ohnehin schon sehr viel davon haben, haben die Bulgaren statistisch gesehen zum pessimistischen Volk Europas gemacht – letzteres zumindest behauptet unser (meiner Einschätzung nach gut recherchierter) Reiseführer. Aber vielleicht ist das mit den chronisch ernsten Gesichtern auch alles Quatsch und vielmehr darauf zurückzuführen, dass es uns in den ersten Tagen in diesem Land gesundheitlich nicht gut ging und wir entsprechend selber wenig vergnügte Minen aufgesetzt haben. Wie man in den Wald hineinruft…

Es gibt jedenfalls eine ganze Reihe von Dingen, die uns sofort für dieses Land eingenommen haben:

– Freistehen ist hier ein Traum! Wildcampen ist zwar auch in Bulgarien offiziell nicht gestattet, aber weder Anwohner noch Behörden stören sich daran. Die Behauptung unseres Reiseführers in diesem Zusammenhang, die Bulgaren seien kein Land der Camper, können wir überhaupt nicht bestätigen: Der Campingplatz, auf dem wir zwei Tage lang gestanden haben, war brechend voll – und wir das einzige Fahrzeug mit ausländischem Kennzeichen. Immer wieder begegnen uns Wohnmobile und Wohnwagen auf der Straße, hatten diese in Griechenland nahezu ausnahmslos deutsche, österreichische, schweizer, niederländische oder italienische Kennzeichen, tragen sie hier alle bulgarische. Und wenn ich in diesem Moment aus der Bustür schaue, zähle ich auf einem Küstenabschnitt von etwa drei Kilometern bestimmt 30 Vans und Zelte (was mich zu der Überlegung bringt, ob unser Reiseführer vielleicht doch nicht so gut recherchiert ist? Vielleicht sind die Autoren aber auch einfach nur keine Camper und ihnen fehlt daher der Blick für das Offensichtliche).

– Das Bier schmeckt besser als in Griechenland: als Norddeutsche würde ich sagen, Griechenland ist Kölsch, Bulgarien ist Becks.

– am Straßenrand stehen immer wieder kleine Hinweisschilder, die die nächstgelegene Bibliothek anzeigen. Mein Bücherherz findet das hinreißend!

– Bulgarien ist ein vergleichsweise günstiges Reiseland. Lebensmittel, essen gehen und tanken sind deutlich billiger als z.b. in Griechenland oder Albanien, auch wenn die letztgenannten Länder sich ebenfalls nicht gerade durch hohe Durchschnittsverdienst und eine wohlhabende Mehrheit auszeichnen.

– Die Tomaten hier sind der Knaller: So also schmecken Tomaten wirklich, wenn sie nicht aus irgendeinem holländischen Gewächshaus kommen.

Das einzige, was Nico und mir in diesem Land wirklich überhaupt nicht gefällt, ist die Tatsache, dass Corona hier nicht mehr ernst genommen wird. In der Wahrnehmung der Bulgaren ist die Pandemie vorbei, so hat es uns auch unser Vermieter in Sofia mit mitleidigem Blick auf meine Maske eilends versichert. Masken werden nur noch in öffentlichen Gebäuden und dort auch nur widerwillig getragen, obwohl nicht einmal 14 % der Bulgaren geimpft sind und die übrigen 86% wenig Ambitionen zeigen, das noch zu tun. Hier werden munter Hände geschüttelt, in den Straßen herrscht reges Gedränge und Abstände sind weder im Supermarkt noch im Restaurant ein Thema. Für uns folgt daraus, dass wir uns von größeren Städten sowie geschlossenen Räumen so gut es geht fernhalten und auch draußen nur mit FFP2-Masken herumlaufen. In Veliko Tarnovo sind wir nur kurz die Hauptstraße hinauf und hinab geschlendert, obwohl die hübsche, mittelalterliche Stadt eigentlich in den Top 10 meiner Must-Sees in Bulgarien stand. Einen Spaziergang durch Sofia haben wir uns für das Ende unserer Bulgarien-Rundtour aufgehoben, wenn wir einen besseren Schutz nach unserer Impfung aufgebaut haben. Bis dahin machen wir es uns also auf einsamen Landstraßen, hinter Dünen, im Gebirge oder im Wald gemütlich. Könnte schlechter sein.

3 Kommentare

  1. Guten Abend Brit und Nico, so haben wir 2019 Bulgarien auch erlebt.
    Es ist ein grünes aber armes Land. Erholt Euch gut und passt schön auf Euch auf. LG bom Wisseler See

  2. Griechenland ist Kölsch, Bulgarien ist Becks.

    Was für ein herrlicher Vergleich. Freu mich drauf euch mal wieder zu sehen und vllt am Feuer euren Geschichten zu lauschen.

    1. Au ja, ich sehe die Fortschritte in eurem Garten mit Freude, da ist doch bestimmt auch eine Feuerschale im Spiel bei Dir als ultimativem Barbeque-Babo 🙂 Lass uns die in diesem Sommer mal einheizen!

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