Highlights und Hinterhöfe

Für unsere letzte Woche in Bulgarien haben wir uns zwei Highlights aufgehoben: Wandern im Rila-Gebirge und einen Besuch der Hauptstadt Sofia. Ersteres stellt sich tatsächlich als echtes Highlight heraus, zweiteres… nun ja… verläuft mal wieder etwas anders als geplant.

Zunächst aber stellen wir fest, dass eine dreiwöchige Rundreise durch ein Land ganz schön anstrengend ist. Sind wir nichts mehr gewohnt nach all den Monaten der Langsamkeit im griechischen Lockdown? Haben wir uns zu viel vorgenommen, als wir dachten, es sei eine gute Idee, eine große Runde durch Bulgarien zu drehen? Oder liegt es einfach an der mörderischen Hitze, die uns hier seit drei Wochen Temperaturen weit über 30 Grad beschert und jeden Schritt an der frischen Luft zur Mühsal werden lässt? Ganz zu schweigen von den langen Stunden im Bus, der  selbstverständlich über keine Klimaanlage verfügt? Wir wissen es nicht, aber es ist eine interessante Erkenntnis (früher waren drei Wochen ein verdammt langer Urlaub, in dem sich SEHR viele Kilometer und Erlebnisse unterbringen ließen…). Und Bulgarien ist es allemal wert, dass man sich dafür drei Wochen lang ein bisschen anstrengt und sich gemütliche Tage des Nichtstuns an irgendeinem lauschigen Stellplatz für ein anderes Land aufhebt. Mehr als einen flüchtigen Eindruck von Orten bekommt man in diesem Modus allerdings nicht. Plovdiv z.B., die heimliche Schönheit unter den bulgarischen Städten, in der wir nur im Vorbeireisen ein paar Stunden verweilen, hätten wir gerne mit mehr Zeit besucht. Aber auch wenn Zeit etwas war, das wir bisher im Überfluss hatten, spüren wir doch den Sog der Heimat. Ende Juli wollen wir in Deutschland sein, und dazwischen liegen noch sehr viele Reisekilometer, die wir ungern im Eiltempo abreißen möchten. Daher fassen wir uns in Bulgarien einigermaßen kurz, um mindestens zwei Wochen für einen entspannten Weg Richtung Heimat zu haben.

Das Rila-Gebirge. Wo soll ich anfangen, seine Schönheit zu preisen? Vor ein paar Jahren war ich schon einmal zum Wandern hier, seitdem ist es fest auf meiner inneren Wanderkarte verankert. Mit seinen auch im Juli noch zum Teil schneebedeckten Gipfeln, die bis knapp an die 3.000-Meter-Marke reichen, erinnert es an die Alpen. Ist allerdings sehr viel weniger bewohnt und bewirtschaftet. Und, wie alles in Bulgarien, sehr, sehr grün. Wir haben uns den Klassiker unter den Rila-Routen rausgesucht: die sieben Rila-Seen. Von der Nordseite des Gebirgemassivs aus gondeln wir dafür 20 Minuten im Sessellift steil bergauf bis auf 2.100 Meter. Jenseits der Baumgrenze, trotzdem üppig grün bewachsen. An Wochenenden kommen die Bulgaren, ein begeistertes Wandervolk, hier in Heerscharen hinauf. Die sieben Seen gelten als mystischer Ort, jedes Jahr im August trifft sich hier aus diesem Grund die sogenannte Weiße Bruderschaft zu einer spirituellen Zusammenkunft. Man kann es verstehen. Wie gemalt liegen die  Seen, jeder in einer anderen Form, auf Plateaus und zwischen Bergflanken gegossen da, in ihnen spiegelt sich der wilde Himmel. Alle paar hundert Meter kommt ein weiterer See ins Blickfeld, alle sieben gleichzeitig jedoch sieht man nur, wenn man auf einen Bergrücken von 2.600 Metern Höhe steigt. Was wir uns nicht nehmen lassen. Fotografisch festhalten können wir die sieben Seen nicht in einem Bild, dafür bräuchten wir ein Fischauge. Mit unseren eigenen Augen aber bestaunen wir das prachtvolle Panorama aus luftiger Höhe. Ein Highlight, im wahrsten Sinne des Wortes.

Am nächsten Tag zuckeln wir weiter nach Sofia. Die Hauptstadt Bulgariens verfügt wirklich über eine privilegierte Lage: Den Vitosha-Park an ihrem unmittelbaren Rand mit seinen grünen Gipfeln sieht man von beinahe jeder Stelle der Stadt aus. Rila-Gebirge und Balkangebirge sind nur eineinhalb Autostunden entfernt – was für eine beneidenswerte Mischung aus metropolem Flair und Naturerlebnis! Vom Flair indes bekommen wir am Ende nur die absolut untouristischen Seiten mit: Statt Sehenswürdigkeiten wie die Alexander-Nevski-Kathedrale anzuschauen, über den schicken Boulevard Vitosha zu flanieren, einen Drink in einer der vielen stylishen Bars oder versteckten Hinterhof-Kneipen zu nehmen, uns durch die Köstlichkeiten in der Zentralen Markthalle zu probieren oder im Borisova-Gradina-Park unter einem der riesigen alten Bäume zu liegen und den Bulgaren beim Picknicken, Lesen oder Tischtennis Spielen zuzugucken, gurken wir zwei Tage lang durch Sofia und kümmern uns um Mr. Norris. Der Ladebooster, dessen stiller Tod uns zwei Wochen zuvor einen warmen Kühlschrank beschert hatte, muss dringend ersetzt werden, da es draußen so heiß ist, dass wir den Bus nur unter Protest in der sengenden Sonne parken, um unsere Bordbatterie über die Solarzellen zu laden. Den neuen Ladebooster hatte Nico von unterwegs bei einem Händler in Sofia vorbestellt, um ihn abzuholen, führt uns das Navi über rumpelige Straßen in eine Vorort-Siedlung zu einem kleinen Wohnhaus – so ziemlich der letzte Ort, an dem ich einen Victron-Vertragshändler erwartet hätte. Emil, eben dieser Händler, ist trotz vorheriger Terminabsprache persönlich nicht vor Ort, er muss spontan irgendwo eine Solaranlage einbauen. Ein junger Mann, der nicht für Emil arbeitet, sondern lediglich das Büro/die Werkstatt/(das Wohnhaus?) mit ihm teilt, drückt uns den 150 Euro teuren Ladebooster in die Hand. Bezahlen können wir nur per Überweisung, sagt er, Emil muss uns dafür die Bankdaten schicken, „but I trust you“. Wir sind baff angesichts so viel Vorschussvertrauens.

Suchen uns dann bei Google einen Auto HiFi-Händler, den Nico bitten will, die großen Kabel für den Ladebooster zu crimpen, da er in einem solchen Spezialgeschäft am ehesten jemanden mit einer ausreichend großen Crimpzange vermutet. Unsere Stadtrundfahrt geht also weiter, über mehrspurige Highways, entlang an einer abenteuerlichen Mischung aus hypermodernen Bürohochhäusern aus Glas und Stahl, sozialistischen Plattenbauten mit winzigen Wohnwaben und abblätternder Farbe an den verwitterten Außenmauern, Bauruinen und noch mehr Hightech-Bürotürmen. Der HiFi-Händler kann helfen, nicht nur mit dem Crimpen der Kabel: Nach zwei Stunden verlassen wir sein angenehm klimatisiertes Geschäft mit einer neuen Musikanlage für Mr. Norris. Seine ist, wie er selbst, von 1994 und entsprechend schwach auf der Brust. Schon lange spielen wir mit dem Gedanken, ihm etwas moderneres zu spendieren. Erst will der Händler uns gar nichts verkaufen, er macht uns nach einem Blick in unseren Bus wenig Hoffnung, dass wir in dieser lauten Rumpelkiste ein einigermaßen akzeptables Klangerlebnis erzielen können. Aber als wir feststellen, dass wir durchaus einen Platz für einen Subwoofer finden würden, hält er das Unterfangen doch nicht mehr für so aussichtslos (damit ich einen Platz für den Subwoofer suchen kann, drückt er mir das schweineteure Teil in die Hand und lässt mich damit aus dem Laden zu unserem Bus marschieren. Wieder so ein unglaubliches Vorschussvertrauen von einem Wildfremden, das mich sehr demütig macht).
Da wir noch ein wenig elektronischen Kleinkram für die Installation des Ladeboosters brauchen, schickt uns der HiFi-Mann zu einem Baumarkt ein paar Kilometer weiter, der Nico beim Betreten sofort ins Paradies versetzt: Von der kleinsten Holzschraube bis zum riesigsten Kran-Karabiner, von winzigen Kabelschuhen bis zu gigantischen Transformatoren gibt es hier alles, was die Eisenwaren- und Elektrobranche jemals produziert hat. Jedes noch so kleine Teil sorgfältig auf Platten montiert und mit Nummern versehen in Vitrinen ausgestellt, damit der geneigte Fachmann auf einen Blick findet, was er sucht. So eine Laden haben wir noch nicht gesehen, selbst ich, die sich nur mäßig für Schrauben, Sicherungen oder Klebstoffe interessiert, bin angemessen beeindruckt von der perfekten Organisation, die jedem Bibliothekar zur Ehre gereichen würde.

Zum guten Schluss ist noch ein Ölwechsel für Mr. Norris fällig, der uns auf verschachtelten Wegen zu einer in einem Labyrinth aus Hinterhöfen verborgenen Werkstatt führt, die wir in diesem Versteck ohne Google im Leben nicht gefunden hätten. Fazit nach zwei Tagen in Bulgariens Hauptstadt: Das Sofia, das wir gesehen haben, hat vermutlich wenig mit der Stadt gemein, die andere Besucher erleben. Aber irgendwie finden wir das gar nicht so übel – und für richtiges Sightseeing können wir ja irgendwann noch mal wiederkommen.

2 Kommentare

  1. Guten Abend liebe Brit und Nico,
    die Bergwelt ein Traum und eime Reise wert. Das richtige für Wanderer. Wunderschöne Fotos auch vom Baumarkt. Super das die Menschen euch so selbstverständlich vertraut und geholfen haben.
    Weiterhin viel Spaß mot Mr. NORRIS das hat er sich verdient.
    Ich wünschen Euch das große Abenteuer weiterhin ❤️ passt gut auf Euch auf
    LG Monika

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