Hinterland

Meine Finger sind klamm, drei Schichten Klamotten schränken meine Bewegungsfreiheit ein und ein schleichendes Gefühl von Frust nagt leise aber kontinuierlich an meiner Abenteuerlust. Irgendwie hatte ich mir unsere Mehrtagestour im Hinterland des Banff Nationalparks anders vorgestellt. Seit zwei Tagen stapfen wir über öde Forstwege durch dichten Nadelwald. Panorama: Fehlanzeige. Seit dem Nachmittag des ersten Tages hat sich auch die Sonne verabschiedet, graue Wolken stürmen über den Himmel und entladen sich mehrmals täglich in Form von Gewittern über unseren kleinen Zelten. Immerhin haben wir es bisher stets geschafft, unseren Campground im Backcountry – eine Picknickbank, bärensichere Boxen für Essen und Toilettenartikel, ein Holzhäuschen mit Donnerbalken und ein paar mit Sägespänen ausgestreute Stellplätze – vor dem großen Guss zu erreichen und unsere Zelte im Trocknen aufzubauen. Während es donnert, blitzt und schüttet, quetschen wir uns zu dritt in eines der beiden Zwei-Personen-Zelte und spielen Karten – am ersten Nachmittag ist das noch lustig, am zweiten nur noch eng. Als der Regen aufhört, sitzen wir in kompletter Regenmontur frierend auf der Picknickbank und ich rühre missmutig in meinem Tütenessen. Bei Regen und Kälte auf einer unbequemen Isomatte zu schlafen und dabei die ganze Zeit an den Grizzly zu denken, der möglicherweise gleich hinter einem Busch hervor gehüpft kommt, ist für mich keine wünschenswerte Freizeitbeschäftigung. Es ist lediglich der Preis, den ich zu zahlen bereit bin, um mich an einer herausfordernden Wanderung mit tollem Panorama zu berauschen. Forstwege und Nadelwald dagegen geben mir das Gefühl, ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Nico und Linda schicken sich mit buddhistischem Gleichmut und die Situation, also reiße auch ich mich zusammen und behalte meinen Frust für mich. Nico checkt die Wettervorhersage für den nächsten Tag – mehr Regen, mehr Gewitter. Und stellt die Frage, die uns allen durch den Kopf geht: Wandern wir weiter? Oder marschieren wir die beiden eher kurzen Etappen der vergangenen zwei Tage in einem Rutsch zurück und verbringen Lindas letzte Urlaubswoche bei uns auf irgendeine erfreulichere – und trockenere – Art und Weise? Die Aussicht, unser Zelt morgen früh bereits im Regen und noch klatschnass von der Nacht abzubauen, es dann den ganzen Tag durch den Regen zu schleppen um es am Abend im Regen wieder aufzubauen und eine feuchte Nacht in einem ebenso feuchten Schlafsack zu verbringen, ist nicht gerade erbaulich. Andererseits gehören wir alle Drei nicht zur Fraktion „Aufgeben“ und schlussfolgern messerscharf, dass die Schrammen am Stolz möglicherweise länger schmerzen könnten als die nassen Füße. Oder ist es einfach dumm weiterzugehen, nur um am Ende sagen zu können, dass wir es durchgezogen haben – obwohl es keinen Spaß gemacht hat? Schließlich wandern wir hier doch eigentlich zu unserem Vergnügen? Wir vertagen die Entscheidung auf den nächsten Morgen.

Und der beginnt – wider aller Vorhersage – trocken. Wir schütteln die Regentropfen der Nacht von den Zeltplanen und stopfen sie, verpackt in wasserdichte Hüllen, in die Rucksäcke. Kochen Kaffee – immer noch behalten die schweren Wolken ihre Wassermassen für sich. Löffeln unser Müsli – und laufen dann in stillem Einverständnis los. Weiter, nicht zurück. Es bleibt trocken. Mehr Forstwege. Mehr Nadelwald. Auf dem Pfad plötzlich das Skelett eines mächtigen Wapiti-Hirsches, dessen Geweih sich bestimmt prachtvoll an der Wand einer Jagdhütte machen würde. Die Parkranger haben es mit Draht an einem Baum festgekettet – vermutlich genau darum, damit es NICHT die Begehrlichkeiten eines Vorbeiwandernden weckt und an einer Wand landet. Sie überlassen Skelett und Geweih stattdessen der Natur – wie auch jeden umgefallenen Baum im Nationalpark. Dann, endlich, endlich, wird der Weg schmaler, steigt an – und nach links tut sich zum ersten Mal so etwas wie Panorama auf. Zwischen den Bäumen hindurch erhaschen wir einen Blick in die Ferne, auf Bergketten und mehr Bäume. Queren einen kleinen Bach, scheuchen ein paar Raufußhühner auf, kommen wieder in Hörweite des Cascade River, dem wir schon seit Tagen grob folgen. Und stolpern fast über einen riesigen Haufen Bären-Hinterlassenschaften. Beileibe nicht der erste, den wir auf den Wegen sehen – aber dieser hier ist frisch.
Noch zwei Kilometer, dann haben wir den Campground für die Nacht erreicht. Anders als in den US-amerikanischen Nationalparks, wo sich Wanderer im Backcountry ihre Übernachtungsplätze selber suchen können, ist in den kanadischen Parks ganz klar definiert, wo man sein Zelt aufschlagen darf. Der Grund sind die Grizzlys, so zumindest unsere Vermutung. Das Layout der Backcountry-Campgrounds ist auf maximale Bärensicherheit ausgelegt: Kochstelle und Bärenboxen, in die alles hineingehört, was irgendwie für einen Bären verlockend riechen könnte, sind mindestens 200 Meter weit entfernt von den Stellflächen für die Zelte. Das minimiert die Wahrscheinlichkeit einer unerwünschten Begegnung zwischen Wanderer und Bär. Denn Bären haben extrem feine Nasen – sehr viel feiner als etwa die von Hunden – und können einen knackigen Apfel, eine Tüte fader Trockennahrung, einen Müsliriegel, eine Tube Zahnpasta oder eine Flasche Sonnencreme über eine Entfernung von bis zu einem Kilometer riechen. Für sie sind das alles spannende Gerüche: Auch wenn ihnen die Sonnencreme vermutlich nicht schmecken würde, anziehend finden sie sie trotzdem. Also muss das alles aus Sicherheitsgründen weit weg von der Schlafstelle untergebracht werden: Wer will schon einen Grizzly an seinem Zelt schnüffeln haben? Wir jedenfalls nicht. Eine Stunde später haben wir ihn dafür in der Küche.

„Hinter Euch läuft ein Bär“, sagt Linda plötzlich leise und warnend zu Nico, mir und den beiden anderen Wanderern, die sich an diesem Abend mit uns den Platz am Fluss teilen. Vier Köpfe schnellen herum: Tatsächlich schiebt sich gerade ein massiger Körper mit dunklem Fell hinter den Bärenboxen vorbei und auf die Holzbänke zu, die gegenüber der Picknickbank um die Feuerstelle herum stehen. Keine zehn Meter von uns entfernt. Drei Hände greifen reflexartig nach dem Bärenspray am Gürtel: Im Falle eines Angriffs die einzige reelle Chance, sich diese riesigen Raubtiere vom Leib zu halten. Der Bär ignoriert uns und knabbert ungerührt die leuchtend roten Beeren von den Zweigen der Büsche ab, die neben der Feuerstelle wachsen. Schaut dann auf die fünf Menschlein, die sich hinter die schwere Picknickbank zurückgezogen haben und ihn fasziniert anstarren. Hebt den mächtigen Kopf, schwenkt ihn hin und her und wittert. Senkt ihn wieder herab und bewegt sich dann weiter, auf die rechte Seite der Picknickbank zu. Fünf Menschlein umrunden sie nach links, um sie zwischen sich und dem Bären zu halten. Der nascht weiter rote Beeren, indem er die Zweige geschickt mit den Tatzen zu sich heranzieht und sie so festhält, dass er mit Zunge und Zähnen alle Beeren herunterknabbern kann. „Ist das ein Grizzly?“ frage ich, weil mir der charakteristische Buckel über seinen Schulterblättern nicht entgangen ist – die vergleichsweise geringe Körpergröße des Tiers allerdings eher auf einen Schwarzbären schließen ließe. „Ich glaube, es ist ein Schwarzbär“, meint einer der beiden Wanderer. Korrigiert sich dann. „Ein Grizzly. Aber ein kleiner.“ Klein? Ich finde ihn verdammt groß, so aus der Nähe betrachtet… Die Drei-Meter-Marke, die diese Tiere aufrecht stehend erreichen können, knackt er allerdings tatsächlich nicht. Später zeigen wir dem Ranger im Visitor Center die Fotos, die Linda todesmutig von dem Bären geschossen hat, während wir ihn nur wie hypnotisiert angestarrt haben. „Ein Grizzly“, bestätigt er, nachdem er kurz zusammenzuckt und murmelt: „Oh, der war ganz schön nah dran.“

Neben Kälte, Regen und Gewitter sind es tatsächlich die Grizzlies, die diese Tour für uns zur Herausforderung machen. Die majestätischen Berge, bezaubernden Hochebenen und verwunschenen Wald-Abschnitte der nächsten Tage entschädigen uns überreich für die Ödnis der ersten beiden Etappen. Aber das Wissen, dass wir jederzeit einem Grizzly über den Weg laufen könnten und dass dieser sich von Menschen – anders als Schwarzbären – völlig unbeeindruckt zeigen würde, sorgt für Dauer-Anspannung. Nicht, dass ein Grizzly sofort zum Angriff übergehen würde, wenn er uns sähe – warum sollte er? Überrascht man ihn allerdings, weil der Wind ungünstig steht oder der Fluss zu laut rauscht und er uns weder riechen noch hören kann, dann sieht die Sache schon anders aus. Also lautet die Devise: Krach machen. Laut schwatzend ziehen wir über die Pfade, erzählen uns Blödsinn, wenn uns der echte Gesprächsstoff ausgeht oder singen „Oh Tannenbaum“ (sehr inspirierend, so ein Nadelwald…) – Hauptsache, der Bär hört uns.

Als wir nach fünf Tagen wieder an dem Parkplatz ankommen, auf dem wir unseren Bus abgestellt haben, stecken uns sehr viel weniger Höhenmeter und technischer Anspruch in den Knochen, als etwa letztes Jahr im wilden Retezat. Aber unsere Haut ist dünn geworden und unser Geist müde von der ununterbrochenen Bären-Alarmbereitschaft, die selbst dann wach ist, wenn wir schlafen. Die wach bleibt, auch als wir uns schon längst wieder in der vergleichsweisen Sicherheit des Campingplatzes von Banff befinden. Und die selbst dann nicht ganz verschwindet, als Linda schon wieder im Flieger nach Hause sitzt und Nico und ich mit dem Bus und einer Linda-förmigen Lücke zwischen unseren Sitzen und in unseren Herzen von Calgary Richtung Norden weiterreisen. Auf einem Campingplatz im verschlafen Nordegg östlich der Rocky Mountains für ein paar Tage die Beine hochlegen – und doch jede Bewegung in den umliegenden Bäumen genau registrieren, auch wenn diese nur von frechen Eichhörnchen, neugierig äugenden Krähen und Canada Jays oder einer kleinen Wapiti-Familie stammen. Das Bärenspray griffbereit auf der Picknickbank.

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