Langsam ist das bessere Schnell

Seit unserer Ankunft in Kanada haben wir unser Reisetempo allmählich gedrosselt. Das ist nicht geplant passiert – eher durch Abwesenheit von Planung. In den drei Wochen, in denen Linda mit uns gereist ist, wollten wir angesichts des zwar mit viel Liebe aber eher wenig Komfortausstattung von Nico selbst gezimmerten Mittelsitzes, auf dem unser Gast mit uns reisen musste, nicht allzu viel Zeit on the road verbringen. Also haben wir unsere Aktivitäten auf drei Orte fokussiert: Vancouver Island, Whistler und Banff. Seit wir wieder allein unterwegs sind, sind wir noch langsamer geworden bzw. unser Radius noch kleiner. Wir bewegen uns weiterhin im Dunstkreis der Rocky Mountains zwischen Banff und Jasper – ohne Eile, ohne echten Plan. Fahren ein bisschen rum, suchen dann einen Platz für die Nacht. Schön ist es ohnehin überall. Auf den Icefields Parkway, der einmal längs durch das Herz der Canadian Rockies führt und zu den schönsten Straßen der Welt gezählt wird, stoßen wir etwa auf dessen Hälfte bei Saskatchewan Crossing. Wir schlafen am Rande des Highways und am Fuße des Athabasca Glacier auf einem Rastplatz, der noch vor 180 Jahren unter dem Eis des Gletschers begraben lag – heute hat sich der Ausläufer des mächtigen Columbia Icefields viele hundert Meter weit zurück gezogen, wir sehen ihn vom Rastplatz aus in der untergehenden Sonne aufleuchten. Am nächsten Morgen stapfen wir zu Fuß an den Rand des von schmuddeligem Altschnee bedeckten Eisfelds und es fällt mir schwer, den uralten schmelzenden Riesen nicht zu bedauern. Ja, Gletscher schrumpfen und wachsen seit zweieinhalb Milliarden Jahren im Rhythmus der Eis- und Warmzeiten. Aber in den vergangenen 100 Jahren schrumpfen sie eindeutig zu schnell.

Als wir zurück auf den Parkplatz laufen, schaue ich irritiert auf das Dach unseres Busses, das am hintersten Ende der großen Asphaltfäche über die anderen Fahrzeuge hinweg lugt. Was ist das da für ein dunkles Quadrat am Dach?? Ich stoße Nico an – und stelle dann fest: Das ist gar nicht unser Bus! Dieser weiße Sprinter, der im selben Jahr vom Band gerollt ist wie unserer, den gleichen Motor unter seiner Haube verbirgt und dem Bond auch sonst verdammt ähnlich sieht, heißt Berta und gehört Anna und Anne von www.perspektivan.de! Seit Griechenland folgen ich den beiden Kölner Mädels auf Instagram, in den Wochen vor unserer Verschiffung haben wir zahllose Sprachnachrichten getauscht, da wir so viele Fragen hatten und sie schon seit November 2021 unterwegs waren, erst in Mexiko, dann in den USA und Kanada. Und jetzt stehen sie plötzlich nur noch eine Parkbucht entfernt – verrückt! Breites Grinsen auf vier Gesichtern, und los geht’s mit Quatschen. Und wird für die nächsten 72 Stunden so weitergehen. Erst auf dem Parkplatz, dann verlagern wir die Runde nach Jasper auf einen riesigen Campingplatz, der brechend voll ist: In Kanada ist Memorial Day, also langes Wochenende, und alle Kanadier nutzen nochmal die Gelegenheit, in die Berge zu gehen, bevor die Saison sich dem Ende neigt – der Herbst kommt früh in den Rocky Mountains. Anna und ich – in den jeweiligen Reise-Teams die Verantwortlichen für Strecken- und Schlaf-Logistik – schaffen es irgendwie, der Rangerin noch zwei Stellplätze für eine Nacht zu entlocken. Für die nächste Nacht ziehen wir dann einfach zusammen auf einen Platz – nicht erlaubt eigentlich, aber der nette Ranger drückt ein Auge zu. Ist aber auch zu schön, wie die beiden Busse da einträchtig hintereinander stehen. Unten drunter liegen Anne und Nico – in den jeweiligen Reise-Teams zuständig für Fahrzeugwartung und -technik – und reparieren die Elektronik von Bertas Hupe. Abends hocken wir zu viert mit einer Schüssel Popcorn im Bond, in dem Nico Leinwand und Beamer aufgebaut hat und schauen Terra X: Das ZDF hat Anna und Anne in den ersten Monaten ihrer Reise immer mal wieder begleitet und dazu Ende August eine Doku veröffentlicht, die wir unbedingt sehen wollen! Wenn wir nicht schon auf Reisen wären, spätestens am Ende der Doku würde ich los wollen.

Am nächsten Tag ist der Campingplatz wie leergefegt. Nicht nur, weil das lange Wochenende vorbei ist, sondern auch, weil ein außer Kontrolle geratener Waldbrand nördlich von Jasper die Stromversorgung der Stadt gekappt hat. Vom Feuer geht keine Gefahr für uns aus und Berta und der Bond sind autark – also bleiben wir noch eine Nacht. Arbeiten tagsüber friedlich an vier Rechnern nebeneinander her wie ein altes Ehepaar. Hocken abends am Lagerfeuer, mit dem wir uns den Temperatursturz auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt vom Leibe zu halten versuchen, und Nico und ich löchern die Mädels mit Fragen über Mexiko. Träumen uns an palmengesäumte Sandstrände, in bunte Dörfer, zu Maya-Ruinen im Dschungel und in die warme Gastfreundschaft der Mexikaner. Als wir uns am nächsten Tag voneinander verabschieden ist klar, dass das nicht die einzige Begegnung bleiben wird. Dass wir die wechselseitige Gesellschaft viel zu sehr genossen haben, um das nicht zu wiederholen. Spätestens in Mexiko – denn Anna und Anne haben kurz bevor wir sie am Columbia Icefield getroffen haben, beschlossen, dass sie die eigentlich geplante Heimreise noch nicht antreten wollen. Dass sie noch einmal zurück nach Mexiko möchten, um mehr von dem Land zu entdecken. Auch wir planen, den Winter dort zu verbringen – die Chancen auf Tauchen und Tequila zu viert stehen also gut.

Weit gekommen sind wir seit diesem Abschied noch nicht: Derzeit trödeln wir im Mount Robson Provincial Park herum, der an den Jasper Nationalpark angrenzt. Ich genieße es, so wenig über die sicher zahllosen reizvollen Reiseziele West-Kanadas zu wissen – und mein Wissen bewusst nicht über einen Reiseführer oder das Internet erweitert zu haben – dass mich keine Top-Hundert-Highlights-Liste hierhin und dorthin zieht. Was ich nicht kenne, kann ich auch nicht verpassen, Unwissenheit schützt vor Eile. Ich bin glücklich und zufrieden damit, im Schatten meiner geliebten Berge vor mich hin zu sitzen, das wunderbare Wochenende in mir nachschwingen zu lassen (und mich zu freuen, dass ich nach zwei Jahren Pandemie-Reisen offenbar doch nicht per se unfähig und unwillig zu mehr als einem Schwätzchen mit anderen Langzeitreisenden geworden bin, sondern dass Timing und Chemie stimmen müssen, um mich aus dem Mauseloch meiner gelegentlichen sozialen Ungelenkheit zu locken). Ein bisschen mit meinen Lieben zu Hause zu korrespondieren und das Sein zu genießen. Mir fällt ein Satz aus der großartigen YouTube-Produktion „Seven vs. Wild“ ein, der sich – neben der treffenden Erkenntniss „Der Fußbus fährt immer“ – unauslöschlich in mein Hirn gebrannt hat, weil ich mich dabei auf so vielen Ebenen ertappt gefühlt habe: „Wie wir bei den Navy Seals gelernt haben: Langsam ist das bessere Schnell“. Als wüsste ich das nicht schon längst! Zumindest auf der Verstandesebene. Aber die stets bestens informierte und zur Kunst der Auslassung deprimierend wenig fähige Touristin in mir kann den Fluch des schnellen Reisens einfach schwer abschütteln. Umso mehr überrascht und erfreut mich die Feststellung, dass sich das Tempo in Kanada ganz langsam und ohne einen bewussten Vorsatz verlangsamt hat. Nicht aus Erschöpfung oder Desinteresse. Sondern einfach so. Weil es sich gut anfühlt. Angekommen im Reisealltag vielleicht?! Ich weiß nicht, wie lang die Halbwertszeit dieser Aussage sein wird. Ob ich wirklich angekommen bin in dieser Reise, oder ob das Gefühl nur eine Weile anhält. Aber jetzt gerade fühlt es sich gut an. Sehr gut.

3 Kommentare

  1. Wunderbar von dir und dem neuen Gefühl zu lesen. Super das Berta und Bond so traumhaft harmonieren. Auf eine schöne Weiterfahrt den beiden Bussen und ihren Insassen. Weiterhin schönes Abenteuer

  2. Krasse Zufälle gibts… Es existiert doch keine ISO 99-42-1 ‚Deutscher Auswandervan B-weiß‘ , oder?

    Schaut lieber mal nach, ob ihr nicht auch einen Dirk Steffens irgendwo im Bus verbaut habt.

    Jetzt doch noch die Flammenlackierung und Sidepipes? Und dann, statt ZDF, die eigene Serie auf D-Max 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.