Happy Places

Das Leben ist eine wenig logische Angelegenheit. Da quält man sich manchmal monatelang mit einer Entscheidung und ringt um den rechten Weg. Und dann ist man kaum drei Schritte auf diesem Weg gegangen – und fragt sich voller Verwunderung, warum man überhaupt so lange für eine so offensichtliche Entscheidung gebraucht hat. Mich beschleicht der Verdacht, dass mein Ringen des vergangenen Jahres nie zwischen zwei Wegen stattgefunden hat. Sondern die Zeit beschreibt, die der Kopf gebraucht hat, um dem Bauch endlich zu glauben. 

Die vergangenen Wochen waren ein einziges Triumphgeheul des Bauchgefühls. Die Erkenntnis, die mich in Texas im Palo Duro Canyon getroffen hat, wiederholt sich seitdem Tag für Tag in Gestalt von Verzauberung und Dankbarkeit: Wir sind in der Bergwelt von Colorado versunken und stehen jeden Morgen mit dem Gefühl auf, genau da zu sein, wo wir sein wollen. Seit fast vier Jahren sind wir nun unterwegs – und noch nie hat sich ein Reiseabschnitt so gut und so richtig angefühlt.

Colorado begrüßt uns schon kurz hinter der Grenze zu New Mexiko mit einem seiner zahllosen Naturwunder: dem Great Sand Dunes Nationalpark. Den steuern wir eigentlich vor allem deswegen an, weil er der Ausgangspunkt für eine Panoramastrecke nach Durango im Südwesten des Rocky-Mountain-Staates ist, wo wir ab Mitte Mai für drei Wochen einen Australian Shepherd namens Max hüten werden. Über den Park selber weiß ich bis zu unserer Ankunft nicht mehr als den Namen. Was ich trotz des Namens irgendwie nicht erwartet habe: Hier, 2.000 m über dem Meer und 1.500 km von selbigem entfernt, türmen sich hunderte Meter hohe Sanddünen auf. Sie bilden einen nahezu unwirklichen Kontrast zur schneebedeckten Gebirgskette, an deren Flanke sie sich schmiegen. Ihre Existenz verdanken sie einem ungewöhnlichen Zusammenspiel von Wind und Wasser: Der Sand stammt aus dem Rio Grande und seinen Nebenflüssen, über Jahrtausende haben westliche Winde die Sandkörner von den Flussufern bis hierher, an die Ostseite der Sangre de Cristo Range, getragen. Die Berge bremsen die Geschwindigkeit des Windes, der Sand häuft sich zu ihren Füßen auf und saugt sich mit dem Wasser aus den vielen kleinen Bächen voll, die dort verlaufen. Der nasse Sand ist zu schwer, um vom Wind weitergetragen zu werden. So ändern die Great Sand Dunes zwar seit 12.000 Jahren Tag für Tag ihre Form, bleiben aber im Großen und Ganzen, wo sie sind. Wir bestaunen das Phänomen zunächst vom Campingplatz am Rande des Dünenfelds – und kramen dann schnell die Daunenjacken und Mützen heraus, die wir zuletzt vor mehr als einem Jahr gebraucht haben. Nach Monaten in tropischer mexikanischer Hitze und dem heißen texanischen Frühling misst das Thermometer hier, in den Höhen Colorados, plötzlich nur noch wenige Grad über Null. Ungewohnt! Am nächsten Tag erklimmen wir das Sandgebirge, stapfen durch die Täler der Dünen und auf ihren Kämmen entlang, springen sandige Abhänge hinunter und keuchen sie dann mühsam wieder hinauf. An manchen Stellen bläst der Wind so scharf, dass wir gesandstrahlt werden – wir fühlen uns wie Kinder in einem gigantischen Sandkasten. Was für ein Spaß! Am nächsten Morgen sind unsere Spuren im Sand und die all der anderen Besucher wieder verschwunden. Glatt gestrichen vom Wind, als wären wir alle nie dagewesen.


Kaum sind die Sangre de Cristo Mountains aus unserem Rückspiegel verschwunden, flimmern die Ausläufer der San Juan Mountains am Horizont. Hier werden wir die nächsten drei Wochen verbringen – und schon die Fahrt zu unseren Gastgebern gleicht einer alpinen Verheißung. Als wir bei Gordon und Diane und ihrem Hund Max ankommen, fühlen wir uns etwas schwindelig – nicht nur wegen der grandios schönen Anfahrt, sondern auch, weil wir uns hier, eine halbe Stunde nördlich von Durango, auf 2.700 Metern Höhe befinden. Daran gewöhnen wir uns allerdings genauso schnell, wie an die Annehmlichkeiten von Gordons und Dianes Haus: Zwei Etagen, eine riesige Küche, ein steinerner Kamin, ein eigenes Bad und ein Whirlpool auf der Terrasse – wir sind im Himmel! Dazu der Blick durch die anfangs noch kahlen Espenzweige (der Frühling hält hier oben spät Einzug, während unten in Durango schon alles grünt und blüht) auf die gegenüberliegende Bergkette und den Electra Lake – und natürlich die Gesellschaft von Max. Max ist ein Traum von Hund: tiefenentspannt, schlau, zugewandt aber mit eigenem Kopf. Und er kann beides: Abhängen auf der Couch, Ausdauer auf dem Trail. Beides betreiben wir ausgiebig in den drei Wochen unseres Housesits – und mit jeder Wanderung verlieben wir uns mehr in die San Juan Mountains. Ich werde nicht müde, selbst die Strecke runter nach Durango zum Einkaufen, die wir viele Male zurücklegen, bei jeder Fahrt aufs Neue zu bestaunen. Jeden Tag werden die Espen etwas grüner und die Blüten am Wegesrand mehr, jeden Tag denke ich mit einem glücklichen Seufzer: „Gott, ist das schön hier!“.


Als wir uns nach drei Wochen Housesit wieder auf den Weg machen, können wir uns kaum trennen. Von Max nicht, dessen wuschelige kleine Silhouette ich noch Tage nach unserem Abschied hinter jeder Wegbiegung vermute, und auch von der Gegend nicht. Also bleiben wir. Fahren von Durango aus eine halbe Stunde nach Osten zum Mesa Verde Nationalpark und wandeln durch die steinerne Siedlung, die die Anasazi-Stämme dort im 12 Jhd. in die steilen Felswände des dicht bewaldeten Tafelbergs (daher der Name: Mesa Verde bedeutet „Grüner Tisch“) gebaut haben. Rund 150 Räume hat die größte dieser Siedlungen, „Cliff Palace“ genannt, etwa 100 Menschen haben hier einst gelebt. Die sandfarbenen Gemäuer sehen aus, als seien sie gerade erst verlassen worden – fast hört man noch das Lachen der Kinder, Hundegebell, das Singen der Frauen bei der Arbeit, die Rufe der von der Jagd heimkehrenden Männer. Ahnt noch den Geruch vom Rauch der Herdfeuer und dem darüber gebratenen Fleisch. Bis heute ist Mesa Verde ein heiliger Ort für die First Nations der Region – und ein eindrucksvolles Zeugnis des Lebens ihrer Vorfahren.


Von Mesa Verde aus fahren wir wieder zurück, ein letztes Mal die Strecke über Durango und am Haus von Gordon und Diane vorbei. Weiter Richtung Little Molas Lake, der nur eine halbe Stunde nördlich vom Haus auf 3.300 Metern liegt – eine Höhe, an die wir uns längst gewöhnt haben. Auf einem Spaziergang mit Max hatten wir hier oben einen kostenfreien Campingplatz entdeckt, dessen Zugangsstraße zu dem Zeitpunkt noch unter Schneehaufen begraben lag und gesperrt war. Nun ist der Schnee geschmolzen und die Schranke oben – und wir verbringen drei Tage und Nächte mit dem schönsten Ausblick, den wir je von einem Stellplatz aus hatten. Mit Kaffee in der Morgensonne und Gewitter über den Berggipfeln, mit Lagerfeuer und einem Sternenhimmel, der im Umkreis von 30 Kilometern von keiner Lichtquelle behelligt wird.


Vom Little Molas Lake geht es weiter nach Ouray, nur eine Stunde entfernt, aber was für einen Stunde! Die Strecke trägt den Namen „Million Dollar Highway“ und gilt als eine der spektakulärsten Passstraßen der USA. Die Ausblicke sind in der Tat Millionen wert, ich komme aus dem Fotografieren kaum mehr heraus und vergesse vor lauter Verzückung sogar, mich vor den steil abfallenden und ungesicherten Abgründen rechts und links der Straße zu fürchten. In einem Souvenirladen im alten Bergbau-Städtchen Silverton am Anfang des Million Dollar Highway hatte ich einen Sticker mit dem Aufdruck „Wer braucht schon Leitplanken?“ gesehen. Entlang einiger Abschnitte der Passstraße gibt es keine, da sonst im Winter der Schneepflug nicht durchkäme – das vermittelt vielleicht eine Vorstellung davon, wie schmal die Straße an diesen Stellen ist… Das Städtchen Ouray brüstet sich mit dem Beinamen „Die Schweiz Amerikas“ und übertreibt dabei kaum: Auf einem Wanderweg rund um und hoch über dem Ort blicken wir in die eindrucksvollen Bergwände, zu deren Füßen Ouray mit seinen bunten Häusern und seiner Western-Architektur liegt wie auf dem Boden eines Kessels.


Nächster Halt: der Black Canyon of the Gunnison Nationalpark. Noch so ein Park, von dessen Existenz ich bis vor Kurzem nichts wusste. Noch so ein Wunder, das Colorado in den felsigen Falten seiner Bergwelt verbirgt. Eine tiefe Schlucht, vom Gunnison River gegraben, ihre Wände so dunkel, dass man ihr den Namen „Schwarze Schlucht“ gab. Zu erkunden auf mehr als einem halben Dutzend kleiner Pfade an den Rand des Canyons, der immer wieder andere, immer wieder spektakuläre Blicke in die Tiefen der Erde bietet.

Es passiert ja eher selten, dass mir die Worte fehlen. Aber hier, in den Rockies, geht mir zusehends das Vokabular aus, mit dem ich mein Staunen beschreiben könnte. Es ist, als sähe ich jeden Tag zum ersten Mal Berge. Als träfe jedes Panorama mich völlig unerwartet und unvorbereitet. Die Urgewalt dieser Schönheit lässt mich verstummen, statt Worte zu formen, verziehen sich meine Lippen zu einem seligen Dauer-Lächeln. Ich fühle mich wie das sprichwörtliche Kind im Süßigkeitenladen und drücke mir die Nase platt an den üppigen Auslagen, die die Rockies vor uns ausbreiten. Und feiere jeden Tag unsere Entscheidung, umgedreht zu haben und hierher zurück gefahren zu sein. Als wir vom Black Canyon of the Gunnison auf einer weiteren Panoramastraße Richtung Aspen fahren und von dort weiter über den Independence Pass, nach Buena Vista, nach Silverthorne, nach Winter Park, als wir den Gipfel des 4.000 Meter hohen Mount Flora erklimmen und dabei die ganze Zeit auf die schneebedeckten Drei- und Viertausender um uns herum blicken, da denke ich mehr als einmal: „Jetzt kann ich glücklich sterben“.


Zu meinem Geburtstag wünsche ich mir nichts Geringeres als das Kronjuwel Colorados: den Rocky Mountain Nationalpark. Hier waren wir vor zwei Jahren schon einmal, viel zu kurz, nur auf der Durchreise. Diesmal nehmen wir uns fünf Tage Zeit, fahren noch einmal den grandiosen Trail Ridge Pass und schlafen direkt im Park (nachdem ich tagelang Campingplatz-Lotto gespielt und für jede Nacht jeweils einen letzten Einzelplatz auf einem der eigentlich längst ausgebuchten Campgrounds im Park ergattert habe. Kurzfristig wieder freigegeben vom elektronische Reservierungssystem, weil jemand storniert hat – hartnäckiges Observieren der App zahlt sich aus!). An meinem Geburtstag marschieren wir morgens mit einer Blechdose voll Kuchen und Kaffee in Thermosbechern an den Sprague Lake, picknicken mittags an einer sich sanft im Wind wiegenden Wiese unter einer riesigen Gelbkiefer und machen uns dann auf den Weg zum Bierstadt Lake (der heißt tatsächlich so), jede Spitzkehre hinauf mit Panoramablicken zum Niederknien. Abends Bier und Barbeque in einem der netten Restaurants in Estes Park, dem zauberhaften Örtchen vor den Toren des Nationalparks – ich bin im Himmel. Die Rocky Mountains stecken für mich voller Happy Places. Und es liegen noch fünf Wochen Bergglück vor uns, bis unsere 90 Tage Aufenthaltsgenehmigung in den USA abgelaufen sind. Wie gut, dass der Kopf dem Bauch am Ende endlich geglaubt hat!

3 Kommentare

  1. Liebe Brit, wunderbare Erzählungen von Euren Abenteuer. Vielen Dank das wir Anteil nehmen dürfen . Die Fotos sind der Hammer. Weiterhin gute Reise. LG Monika und Werner

  2. Liebe Brit, lieber Nico,
    Eure Bilder sind grandios und lösen sofort bei uns erneutes Fernweh aus!
    Wir haben Colorado leider nur kurz gestreift, aber vielleicht bereisen wir es noch mal ausführlicher.
    Wünschen Euch weiterhin eine großartige Tour
    Uschi und Mischa‍♀️

    1. Colorado ist auf jeden Fall eindrucksvoll, und wir haben, wie so oft, das Gefühl, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Auch wir wollen daher definitiv noch mal wiederkommen! Irgendwie verrückt, dass die Wunschliste beim Reisen immer länger anstatt kürzer wird… Viele liebe Grüße an Euch beide – so schön, von Euch zu lesen

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