Komfortzone – neu vermessen

Madrid. Hier sind wir schon einmal abgetaucht. Vor gut zwei Jahren, als wir nicht länger an der Erkenntnis vorbeikamen, dass Mr. Norris zu klein für uns ist. Als wir nach einem neuen Fahrzeug gesucht, es schließlich gefunden und uns in wilde Ausbaupläne gestürzt haben. Nun sind wir wieder hier – und genießen es genauso sehr wie damals! Was für eine wunderbare Stadt, um sich treiben zu lassen! Die tolle Wohnung meiner Tante, die wir erneut nutzen dürfen, trägt dazu nicht unwesentlich bei: Viele Stockwerke über dem Trubel bleiben nur die guten Seiten der Großstadt. Tagsüber das ferne Summen von Autos, Lastwagen und Motorrädern auf den Straßen, kleine Menschen und noch kleinere Hunde, die weit unten auf den Gehwegen wuseln. Abends der Blick über das glitzernde Lichtermeer. Und Tag für Tag strahlender Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen – nicht zum ersten Mal fragen wir uns, warum wir eigentlich nicht dauerhaft in einem Land leben, in dem Sonnenschein als Auslöser für gute Laune schon beim Aufstehen ein verlässlich einkalkulierbarer Faktor ist (leider haben wir bisher noch kein Land gefunden, in dem ewiger Sonnenschein mit all dem zusammenfällt, was wir an Deutschland schätzen). Nach Monaten zu Gast auf den Couches und in den Gästebetten unserer Familien und Freunde genießen wir es – wie schon während der herbstlichen Housesits in England – wieder nach unserem eigenen Rhythmus zu leben. Und stürzen uns in – nein, diesmal nicht Ausbaupläne für ein neues Fahrzeug, sondern in Pläne für unser Leben nach der Langzeitreise.

Die Entscheidung, ab Herbst nicht mehr dauerhaft im Van fernab von Europa auf Reisen zu sein, fühlt sich auch Monate nachdem wir sie gefällt haben super gut und total richtig an. Dennoch gibt es da immer noch die kleine Stimme in mir, die sich betrogen fühlt. Um das Gefühl, „es geschafft“ zu haben. Neulich habe ich bei Hotel Matze einen Podcast mit der deutschen Weitwanderin Christine Thürmer gehört. Die hat ein Gefühl auf den Punkt formuliert, das ich sehr gut kenne: das befriedigende Gefühl, am Ende eines harten und verregneten Wandertages im Zelt zu liegen und sich selbst dafür zu feiern, sich von den widrigen Bedingungen nicht unterkriegen lassen zu haben. Sie sagte sinngemäß, dass die, die sich an einem solchen Tag entschieden haben, in den Bus zu steigen und sich ans Ziel bringen zu lassen oder im Hotel einzuchecken, bis das miese Wetter vorbei ist, zwar den komfortableren Tag hatten. Sich aber um das berauschende Gefühl von Freude und Stolz bringen, sich da durchgebissen zu haben. Und nicht nur das – sondern daraus auch an jedem weiteren miesen Tag die Zuversicht ziehen, diesen ebenfalls bewältigen zu können. Ich kenne beide Gefühle gut – das von Stolz und das von Selbstermächtigung. Ich habe sie 2013 empfunden, als ich mit einem Freund zusammen den Köln Marathon gelaufen bin. 2016, als wir zu viert mit Mountainbikes und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken von Garmisch-Partenkirchen über die Alpen bis an den Gardasee gefahren sind. 2020 beim Besteigen der Zugspitze zusammen mit meiner Freundin Hanna. Auf den Mehrtageswanderungen 2021 in den Karpaten und 2022 in den kanadischen Rockies. Im Kings Canyon Nationalpark, in dem Nico und ich im Zelt übernachtet haben, um uns unserer Angst vor Bären zu stellen. Und bei Dutzenden anderer kleiner und größerer Gelegenheiten, in denen ich meine Komfortzone ein kleines bisschen ausgedehnt habe, um mich dafür mit dem Gefühl zu belohnen, „es geschafft zu haben“.

Und jetzt stichelt die kleine Stimme in mir, dass ich mich mit unserer Entscheidung, nicht mehr so zu reisen wie bisher – obwohl wir gerade einmal die Hälfte der geplanten Strecke zurückgelegt haben und die aus meiner kulturellen und sicherheitsverwöhnten Perspektive wirklich herausfordernden Ländern noch gar nicht besucht haben –, um das Gefühl bringe, auch das gemeistert zu haben. Sie flüstert mir mit fiesem Grinsen zu, ob ich es mir nicht vielleicht doch ein bisschen zu bequem und einfach mache – und kennt auf diese rhetorische Frage selbstverständlich bereits die Antwort. Sie weiß, an welcher Stelle sie mich ärgern kann, denn natürlich hatte ich vor dieser großen Reise ein bestimmtes Bild von mir. Ausdauernd unternehmungslustig, unerschrocken, anspruchslos, anpassungsfähig, kontaktfreudig, kulturell aufgeschlossen, kulinarisch experimentierfreudig, konstant veränderungswillig. Und auch wenn ich all dies in einigermaßen großzügiger Dosierung bin – bin ich es doch nicht dauerhaft und ohne die Wahl zu haben. Nach vier Jahren ohne eigene Wohnung und kumulierten zweieinhalb Jahren auf Reisen merke ich, dass ich an vielen Tagen eher das Gegenteil bin. Eine bequeme Stubenhockerin, die das Vorhandensein einer Couch, einer Dusche und einer Toilette feiert und keine Lust auf ein Gespräch mit dem Nachbarn im Hausflur hat; ein Fan deutscher Supermarkt- und Gastro-Vielfalt, der für Beyond-Burger, vegane Rote-Bete-Creme, die Wild-Salami vom Schwager, französischen Weichkäse und friesisches Bier jede Taco-Bude links liegen lassen würde; ein Kontrollfreak, dem die sauber in Listen mit Erinnerungsfunktion sowie einem digitalen Kalender hinterlegte Monatsplanung ein Glücksgefühl und eine ruhige Nacht beschert; ein Hasenfuß, dem die Kombination aus Armut, politischer Perspektivlosigkeit und Waffenverfügbarkeit in diversen Ländern dieser Welt Angst macht.

Ein Satz unseres Reisefreunds Jannis hat mein Dilemma gelöst. Er sagte ihn nahezu beiläufig, als sei das keine bisher sicher geglaubte Gewissheiten umstürzende Erkenntnis: „Wenn man für eine überschaubare Zeit außerhalb der Komfortzone unterwegs ist, ist das bereichernd. Wenn man sich permanent außerhalb seiner Komfortzone befindet, ist das auszehrend.“ Kluger Mann. Christine Thürmer hat recht. Und Jannis auch. Es hängt von der Größe des Brockens ab, mit dem man es aufnimmt. Und von der Dauer der Zeit, die man damit zubringt, den Brocken zu stemmen. Wir haben jetzt sehr lange einen sehr großen Brocken bewegt. Es manchmal verflucht und oft gefeiert. Sind an die Grenze unser Energie gekommen, haben sie überschritten und sind zurückgerudert. Haben den Brocken neu vermessen – und entschieden, ihn in kleinere Portionen einzuteilen.

Hat die fiese Stimme recht, die mir einreden will, dass wir uns damit um das berauschende Gefühl bringen, „es geschafft“ zu haben? Wenn ich an viele unserer Reisefreunde denke, die sich den Herausforderungen der latein- und südamerikanischen Ländern gestellt haben und darüber lauter aufregende Geschichten erzählen können, werde ich ein wenig neidisch. Das hätte ich auch gern auf der Haben-Seite – diese Bestätigung, dass ich „die Fremde“ meistern kann (und nicht nur die Pseudo-Fremde uns kulturell naher Länder wie den USA oder Kanada). Wenn ich aber hier in Madrid sitze, die Sonne im Gesicht, und mit Nico zusammen unsere Zukunft plane – eine Zukunft, in der Reisen eine zentrale Rolle spielen wird, aber in der wir nicht mehr dauerhaft auf Reisen sind –, dann spüre ich, dass die fiese Stimme nicht recht hat. Dass es genug Möglichkeiten gibt, mich selbst zu fordern, ohne mich damit gleich auf der ganz großen Skala in ein Leben zu weit außerhalb der Komfortzone zu begeben.

In vier Wochen geht es zurück nach Mexiko – und damit eröffnet sich für uns noch einmal für sechs Monate die Gelegenheit, fernab der Heimat zu reisen; im Van zu leben; in den Langzeitreisealltag zu schlüpfen. Ob es sich anders anfühlt mit dem Wissen, dass der Heimflug bereits fest gebucht ist? Ob wir es mehr genießen oder bewusster, jetzt, wo wir ein paar Monate Abstand dazu hatten und vor allem, da nun ein Enddatum dranhängt? Ich weiß noch, wie schwer ich es 2020, in den ersten Wochen nach dem letzten Arbeitstag und dem Beginn der großen Reise fand, diese neue, verflixte Freiheit wirklich zu spüren. Eben weil kein Enddatum dranhing und sie damit eher überfordernd als kostbar wirkte. Aus meiner derzeitigen Perspektive habe ich nicht das Gefühl, dass wir unsere Freiheit einschränken, weil wir die Heimkehr planen. Im Gegenteil. Ha! Nimm das, fiese Stimme!

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